Umgehungsstraße 143

Ehemalige Ortslistennummer/Brandkatasternummer (ohne/nie vergeben)

Kleinhaus Typ 45/4

(In einigen Dokumenten findet man auch die Bezeichnungen „Kleinsthaus“ oder „Behelfsbehausung“.)


Die Hausnummer 143

21. Februar 2026


Das Kuriosum der Hausnummer 143 ist auf das Flurstück 143 zurückzuführen, auf welchem sich das Gebäude befindet. Sehr wahrscheinlich wurde die 143 in den Nachkriegswirren einfach als Hausnummer übernommen. Auf allen behördlichen Dokumenten im Kontext der Errichtung des Gebäudes ist immer nur diese Flurstücksnummer angegeben und keine Straßenangabe.
Die heutige Anschrift „Umgehungsstraße 143“ taucht erst in späteren behördlichen Schreiben in den 1970er Jahren auf.


Herbst 1945

Das bittere Erbe des angloamerikanischen Bombardements im Winter 1945 erzwingt von den Einsiedlern ob der gewaltigen Zerstörungen enorme Wiederaufbauarbeiten.
Hier, in der Flur 143, wurde nichts zerstört, weil es an dieser Stelle keine Wohnhäuser gab. Und so ist der Bauantrag vom 17. Oktober 1945 das Ersuchen um die Genehmigung für einen Neubau.

Anschreiben an das Bauamt (Prüfamt) Chemnitz zwecks Genehmigung.

Der Entwurf als auch die Bauausführung stammen von der Firma Rudolf Bartels, Holzhaus- und Barackenbau. Bartels war also Inverkehrbringer dieser Art Holzhäuser und firmierte auf der Hauptstraße 48 (heute Erfenschlager Straße) im unmittelbar angrenzenden, zum Bauzeitraum des hier behandelten Gebäudes noch nicht nach Chemnitz eingemeindeten Erfenschlag.

Augenscheinlich hat das Prüfamt Chemnitz als eine Art übergeordnete Behörde die Unterlagen vom Grund her bestätigt und der Bauherr Georg Lanzenberger konnte dann detaillierte Pläne beim Landratsamt Chemnitz und der Gemeindeverwaltung Einsiedel für eine finale Genehmigung einreichen.

Wohnhaft war Georg Lanzenberger laut Baugenehmigung in Berbisdorf Nr. 46. Das ist die Ortslistennummer, Hausnummern gab es zum Zeitpunkt in Berbisdorf noch nicht.

Georg Lanzenberger, Chemnitz. Pappen- und Papiergroßhandel.

Daten zur Person sind schwer zu finden. Es ist davon auszugehen – wenn auch nicht erwiesen –, dass es sich bei Lanzenberger um einen Papiergroßhändler aus Chemnitz handelt.
Nebenstehend ein Auszug aus dem Chemnitzer Adressbuch von 1943/44 (Straße der SA = Hainstraße). Vermutlich verzog er nach der Zerstörung seines Betriebes am 5. März 1945 nach Berbisdorf. Ein tägliches Pendeln zwischen Wohnung und Betriebsstätte scheint unrealistisch.

Die in der Anzeige genannten „Gela-Verdunklungsrollos“ waren für eine Verdunkelung unter Kriegsbedingungen (Luftschutz) zugelassen.
„Gela“ steht hier für Georg Lanzenberger.
 

Lanzenberger floh vermutlich Anfang der 1950er Jahre aufgrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit in die westlichen Besatzungszonen. Ein HJ-Fahrtenmesser fand sich später bei Erdarbeiten zur Trockenlegung des Hauskellers im Jahre 2005.


Volkseigentum, später Privatbesitz

Grundstück und Wohnhaus fielen nach Lanzenbergers Flucht an die Gemeinde. Selbige vermietete dann das Haus an eine seit 30. Oktober 1943 verwitwete Frau bis zu deren Tod am 8. Dezember 1973.

Die Umgehungsstraße 143 in den 1960er Jahren. (Foto: Max List)

Ab März 1974 bewohnten zwei Eheleute das Haus, das sie für 50,00 Mark monatlich von der Gemeinde Einsiedel zur Miete überlassen bekommen hatten. Der Ehemann arbeitete als Dreher im VEB Großdrehmaschinenbau 8. Mai Karl-Marx-Stadt, Betriebsteil Einsiedel (Betriebsberufsschule), hatte also nur wenige Meter Arbeitsweg. Als späterer Rentner blieb er seinem Betrieb verbunden und war dort noch zeitweise als Pförtner tätig.

1975 konnten die Eheleute das Haus für 12.000,00 Mark von der Gemeinde kaufen. Das Grundstück selbst blieb Volkseigentum und konnte erst 1990 erworben werden. Sie bewohnten das Haus weitere zwölf Jahre, bis 2002.

Im Jahre 2003 kauften Romy und Steve Richter das Anwesen und es erfolgte die komplette Sanierung. Ende Februar 2004 konnte das Haus dann bezogen werden.

21. Februar 2026, vor dem Grundstück die Umgehungsstraße verlaufend. Bis heute ist das nicht mehr als ein Wirtschaftsweg, wenn auch auf einer Fahrzeugbreite asphaltiert.

Das äußere Erscheinungsbild des Hauses hat sich seit der Errichtung 1946 kaum geändert, lediglich der zweite Schornstein wurde abgerissen.
Auch die früher vorhandenen gelben Fensterläden fehlen. Diese waren bei der Übernahme 2003 zwar noch vorhanden, zeigten allerdings so gravierende Schäden, dass sich eine Restaurierung nicht lohnte.

Schlussendlich noch eine Aufnahme aus den 1960er Jahren. Die Umgehungsstraße verläuft hinter dem Zaun links. (Foto: Max List)

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  • Steve Richter
    Sämtliche Fotos und Unterlagen sind – wenn nicht anders angegeben – von ihm. Außerdem der größte Teil der hier niedergelegten Informationen.
  • … und wie immer allen Bereitstellern von Fotos und Dokumenten.

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