Wiesenufer-Impressionen, Eibischbusch, Holzbocksiedlung, Windhose 1951, Pestilenz-Acker

 

 

Für Eilige:

… ansonsten der Reihe nach:

 

Wiesenufer-Impressionen

Wie auf der übergeordneten Seite bereits beschrieben, finden sich bisher keine Angaben, die den Namen der früher “Wiesenstraße” genannten Straße nachweisen.

Blick vom Rupfberg Richtung unbebautes WiesenuferWenn wir uns das Foto links (um 1920) betrachten, erkennen wir auf der Ebene vor der Maschinenfabrik Einsiedel eine recht große Wiesenfläche, die es freilich schon viel länger ebenda gab und die damit durchaus zum Namen beigetragen haben kann. Die auf dem Foto abgebildete Wiese am Hang gehört zum Rupfgut, das zugehörige Wohnhaus und die Scheunen sind auch gut erkennbar. Das Gut liegt postalisch am Wiesenufer an.

 

 

 

 

 

 

 

Lithografie, postalisch gelaufen am 10.04.1905Fast der gleiche Standort, nur wenige Schritte weiter nördlich und unser Blick schweift jetzt über den Mittelort. Das Rupfgut sehen wir in der linken, unteren Ecke.
Man beachte hier den englischen Text auf der Lithografie. Wir lesen, dass es am 10. April 1905 in Einsiedel schönes, ruhiges Wetter gegeben hat, auch wenn es ein bisschen kalt war…

 

 

 

 

 

 

 

Bahnhof Einsiedel und Wiesenstraße in den 1960er Jahren.Um 1960: Das Areal vom Kirchturm aus fotografiert.
(Foto: Hans Morgenstern)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

TGA-Gärten an der WiesenstraßeDie 1960er Jahre.
Zu dieser befanden sich an der Wiesenstraße größere Gärten, Privatpersonen hatten diese von der TGA gepachtet.

Die TGA selbst war im “Kombinat Polygraph Leipzig – Betriebsteil Einsiedel”, vormals “Maschinenfabrik Einsiedel” eingemietet.
(Foto: Antje Hertel)

 

Hintergrundwissen TGA:
Abkürzung für das Kombinat „Technische Gebäudeausstattung“.
Die staatliche TGA war in der ehemaligen DDR der einzige Anlagenbauer für Heizung, Lüftung und Sanitär. Insgesamt gehörten zu diesem Monopolunternehmen 16 Betriebe mit etwa 11.000 Mitarbeitern.

 

 

Rupfbergblick 5. Juni 2005In etwa der gleiche Ausblick am 5. Juni 2005.
Wie bei so vielen Fotografien und bei so vielen Aussichten in Einsiedel lässt sich auch hier feststellen: Der Ort wächst zu!
Seit wir das Heimatwerk Einsiedel 2004 begonnen haben, merken wir, dass wesentlich mehr Fotos durch Vegetation als durch Bauten verstellt werden.
Trotzdem lassen sich noch einige Dächer der nach 1990 gebauten Einfamilienhäuser über der vorderen Baumwipfeln erkennen.

 

 

 

 

 

 

 

Areal um den nachmaligen Plus-MarktEine Luftbildaufnahme des Areals wohl um 1993/94. Der Verlauf der sich s-förmig durch das Gelände schlängelnden Wiesenstraße wird sich bald ändern.
Das ehemalige Lagergebäude der “BHG” ist schon abgerissen, in Bälde wird auf dieser Fläche der “PLUS-Markt” entstehen, die erste große Einrichtung eines Supermarktes in Einsiedel.
Im April 1995 informiert der “Gemeinde-Anzeiger Einsiedel”, dass die Firma Wächtler um die 1.000 m² Boden an der Wiesenstraße für den Bau eines Wohn- und Geschäftshauses kaufen will, dem auch zugestimmt wird.
Zwei weitere große, voll erschlossene Grundstücke offeriert die Gemeinde im Januar 1996 zum Preis von 100 DM/m².
Die nachmalige Ansicht haben wir auf der übergeordneten Seite bereits publiziert.
(Foto: Reiner Dittrich)

 

 

Gehen wir nun die Wiesenstraße entlang und überschreiten bei der Maschinenfabrik die Gleise – wir erreichen den

Eibischbusch

Eibischbusch Januar 2005Eibischbusch Spätsommer 2004Dieser lässt sich auf den beiden nebenstehenden Fotos recht gut im Hintergrund erkennen. Die Aufnahmen wurden vom Turm des Rathauses im Spätsommer 2004 und im Januar 2005 aufgenommen.
(Fotos: Peter Hollstein)

 

 

 

 

 

 

Teich im Eibischbusch 2009Kahle Buchen Eibischbusch Einsiedel November 2013Der Baubestand im Eibischbusch ist gemischt, es gibt hier keinesfalls als dominante Baumart nur Buchen, wie die Aufnahmen links und rechts vielleicht vermuten lassen.

Neben Nadelwald, der zum Großteil aus Fichten besteht, finden wir hier einige stattliche, wohl über 200 Jahre alte Bäume. Neben den erwähnten Buchen auch Eichen und Bergahorn.
Ganz vereinzelt und freilich auch nicht in solcher Größe sehen wir vereinzelt Eiben, die wohl dem Eibischbusch den Namen gaben und die sich gerne zu Buchen gesellen.

 

 

 

 

Ehemalige Villa Bößneck im November 2013Früher gehörte ein Großteil dieses Waldes Ernst Boeßneck, dessen Villa hier lag. Im Krieg zerstört, war sie später ein Mehrfamilienhaus der Methodistengemeinde, den Zustand am 17. November 2013 zeigt uns das Foto links.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiter den Weg hoch, der Anstieg wird immer steiler, kommen wir zur

Holzbocksiedlung

… von den Bewohnern ob der hier reichlich vorhanden Zecken so genannt. Die kleinen Parzellen wurden nach dem Krieg hier angelegt, indem das Areal gerodet wurde. Kartoffeln, Rüben und Gemüse wurden seinerzeit hier zur Eigennutzung angebaut.

 

Holzbocksiedlung im Eibischbusch EinsiedelHolzbocksiedlung Einsiedel in den 1950er Jahren.Nebenstehend zwei Aufnahmen aus der Pionierzeit der Holzbocksiedlung, beide aus den 1950er Jahren.
(Fotos: Gudrun Ebner)

 

 

 

 

 

 

 

Wir gehen weiter, immer straff den Hang hinauf. Nach der Boeßneck-Villa ist der Weg anfangs noch unbefestigt, jetzt finden wir hier einige Gittersteine im Boden, die die Strecke halbwegs befahrbar zu machen. Mit Fahrzeugen erreicht man das Areal sowieso am besten von der Siedlung aus. An den letzten Häusern oben am Feldrand wird dann der Weg wieder eben, die Gittersteine bleiben und führen uns zum anderen Ende der Wiesenstraße. Die beiden nachstehenden Aufnahmen sind vom 17. November 2013.

Wir biegen aber erstmal nach rechts ab, in nördliche Richtung, auf Chemnitz zu. Der Baumbestand im tieferen Eibischbusch weist im Jahre 2013 ein recht einheitliches Alter von etwa 60 Jahren auf, was freilich seinen Grund hat.
Am Nachmittag des 29. Mai 1951 (ein Sonntag) vernahm man in der Höhe zwischen Pappel und Berbisdorf ein ständig zunehmendes Brausen – eine

Windhose

Das sich drehende, schlauchartige Gebilde zog allerhand kleinere Gegenstände in die Höhe. Begonnen hat dieser Minitornado wohl in Höhe Volkshaus Eibenberg, er zog über das Weißholz (Berbisdorf) zum Felberholz, von da über die Pappel durch den Eibischbusch und “Am Hübel”, weiter über die Kurt-Franke-Straße zum unteren Teil des Niedereinsiedler Waldes, dann zum Schusterberg (Erfenschlag). Unmittelbar folgender Starkregen beendete das Schauspiel schließlich in etwa am Schösserholz (Kleinolbersdorf).
Zum Zeitpunkt weilten mehrere Personen in der sich bildenden Schneise – keinem ist etwas passiert. Der materielle Schaden indes war groß und lag wohl im sechsstelligen Bereich.

Mehrere Hektar Staats- und Privatwald wurden zerfetzt, es brachen nicht nur Fichten im Eibischbusch wie auf den Bildern oben zu sehen, auch über 200 Jahre alte Buchen und Eichen wurden umgelegt. An der Kurt-Franke-Straße wurden die Dächer zweier Wohnhäuser erheblich beschädigt (Foto oben rechts) und auch die Vinora-Baracke verlor ihr Dach.
Der Starkregen schwemmte die eingelegten Kartoffeln aus den Feldern der Bauern Leimbrock und Roscher (Funkstraße). Es dauerte Jahre, bis die Schäden beseitigt und vor allem die Spuren im Wald getilgt waren.
(Fotos: Eberhard Hoffmann)

Aber verlassen wir nun die Vergangenheit und auch den Eibischbusch. Wir machen kehrt, wenden uns wieder dem “Gittersteinweg” zu (unten links) und erreichen nach wenigen Minuten die kleine Kreuzung Wiesenufer – Am Naturbad (unten rechts).

Pestilenzacker EinsiedelFahrverbot für Fahrzeuge aller Art - Anlieger freiDie vier Aufnahmen oben und nebenstehend sind vom 17. November 2013. Monatstypisch liegt ein satter Hochnebel über dem Land. 

Aber betrachten wir nun am Ende unserer kurzen “Wiesenufer-Exkursion” den kleinen Hügel auf dem Acker im linken Foto, das ist der sogenannte…

 

 

 

 

 

 

 

Fels unter dem Baugebiet Am NaturbadPestilenz-Acker

… oder auch nicht. Betrachten wir es deshalb Möglichkeit 1.
Im späten Mittelalter sollen hier die Opfer der Pest bestattet worden sein.
Bei Lichte (…und Hochnebel) betrachtet scheidet diese Möglichkeit aus, denn es handelt es sich hierbei um eine Felsnase und dass die paar Quadratmeter seit jeher nicht in die landwirtschaftliche Nutzfläche ringsum einbezogen werden, ist nicht in Gründen von Ehrfurcht oder Pietät zu suchen, sondern weil die geringe Schicht Erde über dem Felsen keinen menschlichen Tod, wohl aber das Ende für landwirtschaftliches Nutzgerät bringen würde. Über die Fruchtbarkeit der dünnen Deckschicht wollen wir gar nicht erst reden.

Über die Möglichkeit 2 für den Pestacker lesen wir auf der Internetpräsentation von Bernd Obermaier. Dort finden wir auch einen Katasterauszug, der dem hier von uns nachstehend publizierten recht ähnlich ist.
Dort ist die Lage des Pestilenz-Ackers eine andere und “amtlich vermerkt” (roter Pfeil). Nämlich die Stelle, wo heute die Einfamilienhäuser “Am Naturbad” stehen, in erster Linie die Hausnummer 4. Aber freilich kann hier “Entwarnung” gegeben werden.
Einerseits ließ der Bauträger am 17. Juni 2004 mit eigener Technik und auf eigene Kosten Bodenproben durch das Landesamt für Archäologie analysieren. Zwei kreuzförmige Baggerschürfe von je 25 m Länge und 1 bis 2 m Tiefe wurden angelegt – ohne Befund.
Als weiteres Ausschlusskriterium nebenstehend ein Foto von den Vorarbeiten für das neue Baugebiet Am Naturbad vom 5. Juni 2006. Der felsige Untergrund, zum Teil schon in Spatentiefe zu erreichen, lässt es äußert unwahrscheinlich erscheinen, dass hier einst Menschen begraben wurden. Schon begründet in der Tatsache, dass Beerdigungen vom Pesttoden äußerst schnell gehen müssen.
Die Existenz eines solchen ehemaligen Friedhofes an dieser Stelle kann damit wohl ausgeschlossen werden.

Bleibt die Möglichkeit 3. Diese befindet sich einige Meter unterhalb von “Am Naturbad”, also in östlicher Richtung. Kurt Morgenstern berichtete uns, dass sein Vater, einer der Pioniere beim Bau der Siedlung, damals in den 1920er Jahren bei Schachtarbeiten für die Häuser am Pfarrhübelweg menschliche Knochenreste entdeckte. Und auch nicht nur von einem Menschen, sondern einer Vielzahl. Es ist derzeit gängige Meinung unter den Einsiedler Heimatforschern, dass sich hier der ehemalige Pestacker befand.

Katasterauszug Lage Pestilenz-Acker EinsiedelDer Katasterauszug lässt sich anclicken, In der vergrößerten Ansicht des Katasterauszuges links haben wir die wahrscheinlichste Lage des ehemaligen Pestackers mit einer grünen Ellipse gekennzeichnet.
(Katasterauszug: Gotthard Clauß)

Ausgangs des Mittelalters war der Ort hauptsächlich im Tal besiedelt und das Areal hier (die Felder gehörten zum Pfarrgut) schien für die Menschen damals “weit draußen”. 
Die Furcht vor der hochgradig ansteckenden Krankheit und abergläubischer Wahn vor dem “Schwarzen Tod” ließen die Bewohner damals ihre Pesttoden hier herauf bringen.
Obwohl über viele Jahrhunderte die Pest in den europäischen Ländern immer wieder wütete, beziehen sich Hinweise und Berichte über die Ausbrüche der Seuche in Sachsen (…und so auch in Einsiedel) meist auf die Zeit des “Dreißigjährigen Krieges”.
Aus Reichenhain wird berichtet, dass von 1633 bis 1636 nur noch zwei Güter bewohnt waren, “so gar hat die Pest aufgeräumt”.

So liebe Leser, wir hoffen, nun nach Pest und Naturkatastrophe keinem die Lust auf Heimat verdorben zu haben …

 

 

 


Heimatwerk Einsiedel sagt Danke!

 

 

Für die Unterstützung zu dieser Seite bedanken wir uns bei:

  • Gotthard Clauß
  • Ingobert Rost

 

 

 


Artikel aus der Version 2004Diese Seite wurde aus der Ursprungsversion 2004, die seinerzeit mit einer speziellen Software (NetObjects Fusion) gestaltet worden war, fast identisch übernommen. Es kann hierbei manchmal zu Darstellungsproblemen kommen, in erster Linie deshalb, weil die eingefügten Bilder kleiner sind als die Aufnahmen, die wir seit dem Wechsel des Layouts bei allen neueren Seiten einfügen.

Die bildlichen und textlichen Inhalte stellen den Stand unserer Veröffentlichung zu diesem Grundstück/Areal dar, wie er in der Version 2004, die über zehn Jahre (2004-2014) ausgegeben wurde, publiziert war. In vielen Fällen liegen in unserem Archiv ergänzende Daten, Fotos oder Belege vor.

 


 

Wiesenufer Einsiedel

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen