Ehemalige Ortslistennummer/Brandkatasternummer Berbisdorf Nr. 7
„Lehngericht Berbisdorf“, auch „Gasthof zum Lehngericht“

Der Name des Gasthofes war nicht aus der Luft gegriffen, denn dieses recht große Bauergut war früher das Berbisdorfer Lehngericht1.
Aber gehen wir erst einmal zurück in das Chemnitz des Jahres 1879 und werfen einen Blick in die „Kaufsurkunde mit Recognitionsschein für den Gutsbesitzer Herrn Friedrich Hermann Richter in Berbisdorf“.

Das unterzeichnete Amtsgericht hat auf Grund der nachstehenden Registratur, welche eine mit der Urschrift verglichene und mit derselben wortlich gleichlautend befundene Abschrift ist und also lautet:
Königl. Amtsgericht Chemnitz
den 6. December 1879, vormittags 11 Uhr sind erschienen:
A. die in den Acten, die Regulirung des Nachlasses des Lehngerichtsbesitzers
Herrn Carl August Uhlig in Berbisdorf betreffend, legitimirten alleinigen Erben Uhligs, als:
[Es folgt eine längere Liste der Erbengemeinschaft.]
B. Herrn Friedrich Hermann Richter
Gutsbesitzer in Berbisdorf, Käufer
und haben folgenden Kauf zu Protocoll gegeben:
Es verkaufen sämtlich die zu A genannten Uhligschen Erben bez. durch ihre Vormünder und unter obervormundschaftlicher Genehmigung die zur Sache ihres Erblassers gehörigen Grundstücke:
1. des Erblehngerichtes, Fol. 5 des Grund- und Hypothekenbuchs von Berbisdorf,
2. des Grundstücks, Fol. 12 desselben Grund- und Hypothekenbuchs,
zusammen für den Kaufpreis von 36.000 Mark (schreibe Sechs und dreißig Tausend Mark – Pf.) …
… Es folgt eine Aufzählung zahlreicher Modalitäten, da von der Kaufsumme zum Zeitpunkt 15.200 Mark bezahlt wurden und die restlichen 20.800 Mark in halbjährlich fälligen Raten und vierteljährlich fälligen Zinsen von 4,5 % vom Käufer an die Erbengemeinschaft zu zahlen sind.
Wenige Tage vorher, am 2. Dezember 1879, hatte Hermann Richter bereits um eine Schankerlaubnis für das Lehngericht ersucht. Dem Gesuch wurde am 23. Dezember stattgegeben.

Von der unterzeichneten Königlichen Amtshauptmannschaft wird Ihnen auf das Gesuch vom 2. December dieses Jahres bez. nach Gehör und mit Zustimmung des Bezirksausschusses die Erlaubnis zum Betriebe der Gastwirthschaft, einschließlich des Ausschänkens von Branntwein, sowie zur Abhaltung öffentlicher Tanzmusiken, Concerte und Bälle, letztere unter den hierfür theils gesetzlich, theils regulativmäßig und sonstigen gesetzten Bestimmungen und Beschränkungen, in dem [unleserlich]grundstücke unter Nummer 7 des Brandversicherungscatasters für Berbisdorf, hiermit ertheilt.
Vor dem Beginne des bezeichneten Gewerbes haben Sie noch die erforderliche, in § 14 der Reichsgewerbeordnung vom 2t. Juni 1869 vorgeschriebene Anzeige bei dem Gemeindevorstande in Berbisdorf zu bewirken, sich auch mit dem für den hiesigen Verwaltungsbezirk aufgestellten Tanzregulative, von welchem Exemplare gegen Erlegung der Druckkosten an hiesiger Canzleistelle zu erlangen sind, zu versehen.
Die entstandenen Kosten im Betrage von 15 Mark sind durch Postnachnahme erhoben worden.
Chemnitz, den 28. December 1879.
Die Königliche Amtshauptmannschaft daselbst.

Aber vertiefen wir unser Wissen zu den abgebildeten Personen oben noch etwas:
Links Tochter Clara Elsa. Sie wird später den Reichsbahn-Amtsmann Carl Lieberwirth heiraten. Der Ehemann war zum Zeitpunkt Technischer Leiter des Bahnbetriebswerkes Chemnitz-Hilbersdorf. Das Paar hatte dort eine Dienstwohnung und später die verwitwete Mutter Clara Richter dort aufgenommen.
Jahre danach lebten sie in Dresden, als die Versetzung von Carl Lieberwirth in das Bahnbetriebswerk Dresden-Altstadt erfolgte. Aus dieser Zeit stammte auch die nebenstehende Aufnahme.
In der Mitte auf dem Familienfoto Sohn Emil Max, später Kaufmann in Zschopau.
Weiteres zu ihm ist nicht bekannt.
Und dann sehen wir auf dem Familienfoto hinten rechts Tochter Alma Rosa, später verheiratet mit Arthur Richter und infolgedessen weiterhin Richter heißend.
Der Ehemann hatte das Lehrerseminar in Annaberg besucht, sein wohl berühmtester Mitschüler war der spätere Kreuzkantor Rudolf Mauersberger2.
Arthur Richter wurde später Kantor in Wolkenstein und die Familie verzog dorthin.
Man achte bei dem sorgfältig arrangierten, nebenstehenden Porträt auf das Fotoatelier3.

Foto um 1930, wahrscheinlich – wenn auch nicht erwiesen – in Berbisdorf aufgenommen. (Der Kutscher ist nicht bekannt.)
Zurück ins Lehngericht …
Ein weiterer, sogenannter „Erlaubnisschein“ für den Gaststättenbetrieb desselben vom 6. August 1902. Hier liegen noch mehrere derartige behördliche Genehmigungen vor. Diese mussten augenscheinlich etwa alle drei Jahre erneuert werden.
Die Textpassagen, anfangs rein handschriftlich, später auf entsprechendem Vordruck, waren recht ähnlich.
Das Exemplar (wie nebenstehend) musste im Schankraum, für jedermann einsehbar, ausgehangen werden.
Die Königliche Amtshauptmannschaft zu Chemnitz ertheilt hiermit nach Gehör und mit Zustimmung des Bezirksausschusses
dem Gastwirt Herrn Friedrich Hermann Richter in Berbisdorf die Erlaubnis zum Betriebe der Schankwirtschaft einschließlich
des Ausschänkens von Branntwein, zur Abhaltung öffentlicher Tanzmusiken und zur Veranstaltung von Singspielen, Gesangs- und deklamatorischen Vorträgen und Marionettentheateraufführungen in dem Anbaue an den Saal im Hause Brandkataster Nr. 7 in Berbisdorf.
Hierüber ist dieser Erlaubnißschein unter amtlicher Vollziehung ausgestellt worden.

Das Postkartenmotiv oben ist zu diesem Zeitpunkt schon mindestens 2 1/2 Jahre erhältlich und entspricht 1905 bereits nicht mehr dem letzten Sachstand, denn 1904 wurde eine Turnhalle in Berbisdorf errichtet.
Diese befand sich noch ein wenig weiter rechts der abgebildeten Hütte, die dafür abgerissen wurde. Es gibt einige Ansichtskarten – wie die folgende, in der Lehngericht und Turnhalle zusammen abgebildet wurden. (Postkarten oben und unten: Jürgen Fritzsche)

In der Berbisdorfer Kirche soll es ein Fenster, respektive eine Verglasung geben, die von Hermann Richter gespendet wurde. Hier werden wir zu gegebener Zeit ein entsprechendes Foto nachliefern.
Nebenstehend zwei Figuren der Firma Wendt & Kühn, Grünhainichen, die seinerzeit im Gastraum zur Advents- und Weihnachtszeit aufgestellt waren.
Laut dem Hersteller handelt es sich um Originale aus dessen Frühzeit. Lediglich die Lichtertüllen wurden später an beiden Figuren ersetzt, sie sind wohl vergessenen Kerzen zum Opfer gefallen.
Am 30. August 1912 stirbt Hermann Richter.
Erbschein
Die alleinige Erbin des am 30. August 1912 in seinem Wohnorte Berbisdorf gestorbenen Lehngerichtsbesitzers Friedrich Hermann Richter ist auf Grund seines privatschriftlichen Testaments vom 7. März 1912 seine Frau Klara Auguste Richter geb. Arnold.
Etwa ein halbes Jahr später, unter dem 15. Februar 1913, verkauft die Erbin und Witwe Auguste Richter das …
… in Berbisdorf gelegene, im Grundbuche für Berbisdorf auf Blatt 5, 12 und 13 eingetragene Lehngericht mit allen Rechten und Lasten, nebst allem landwirtschaftlichen – und Gastwirtschaftsinventar an den [aus Aue stammenden] Emil Fritz Bochmann für den gegenseitig vereinbarten Verkaufs- und Ueberlassungspreis von Fünfundsiebzigtausendfünfhundert Mark (75500 M) wovon 15500 M auf das Inventar gerechnet werden …
Wie schon beim Kauf von 1879, so wurde auch dieses Mal der Kaufpreis nicht voll bezahlt. Der Käufer übernahm eine Hypothek, die auf dem Lehngericht lag, leistete eine Anzahlung, die sechs Wochen später noch einmal halbiert wurde und zahlte eine große Restsumme in verzinsten Raten ab. Interessant ist noch diese Klausel im Kaufvertrag:
Sollte der Käufer die Erlaubnis zur Ausübung des Schankbetriebes nicht erhalten, so soll der Kauf keine Gültigkeit haben. Die bis dahin entstandenen Kosten trägt der Käufer.

Aber wie wir an der nebenstehenden Werbeannonce aus dem Berbisdorfer Adressbuch 1926/27 erkennen, wurde Emil Bochmann die Schanklizenz erteilt.
(Annonce: Christine Löffler)
Am 20. April 1931 verstirbt die Verkäuferin Auguste Richter – zwischenzeitlich, wie berichtet – zu ihrer Tochter nach Chemnitz verzogen, ebenda.
Nachfolgend ein Blick in Gaststube und Saal des Lehngerichts um 1930. (Ausschnitte aus Postkarten, links Jürgen Fritzsche, rechts Sammlung Parthey)



Am 2. November 1935 lud der Wirt Fritz Bochmann im „Einsiedler Wochenblatt“ ins Lehngericht zum offiziellen (behördlichen) „Heimat- und Werbeabend“ anlässlich der Eingemeindung von Berbisdorf ein.
Der Zuspruch zu dieser Veranstaltung war recht mäßig, von den Bauern war nur ein Einzelner erschienen. Der Grund dafür war leicht zu finden. Die Gemeindeverwaltung Einsiedel hatte den Bauern auferlegt, dass die Milch als Pflichtsoll abgeliefert werden musste und nicht mehr frei vom Hof weg verkauft werden durfte.
Im Gemeindebericht war später darüber zu lesen, dass der Widerstand der Bauern mit „sanftem Druck“ gebrochen werden musste. (Annonce: Hans-Christian Günther)
1956 verkaufte Fritz Bochmann das Lehngericht an Horst Rümmler. Dieser stammte aus Einsiedel, genauer aus der Bergstraße 13. Da wir dieses Grundstück noch nicht im Heimatwerk integriert haben, sehen wir es uns kurz an.


Links das sogenannte „Rümmler-Gut“ oberhalb der „Doktorbrücke“ in den 1950er Jahren. Rechte Bildhälfte, oben, hinter dem Baum. (Foto: Wolfgang Röhr). Daneben eine Werbeanzeige des Fuhrgeschäfts von Max Rümmler († 1941) aus dem Jahr 1926. (Annonce: Ingobert Rost). Max Rümmler war Horst Rümmlers Vater. Das Gut selbst war nicht im Eigentum, sondern gepachtet.
Horst Rümmler wollte aber stets etwas Eigenes haben. Anfangs besaß er nach dem Krieg eine kleine Landwirtschaft in der Ziegenschweiz4. 1956 hatte er dann die Möglichkeit, das Lehngericht in Berbisdorf mit den dazugehörigen Feldern und Wald zu kaufen.
Die Gastwirtschaft wurde zweitrangig, denn der landwirtschaftliche Betrieb stand von Anfang an im Vordergrund. Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre wurde dann das Gastronomiegeschäft aufgegeben.
Aus den Erinnerungen von Horst Rümmlers Tochter Renate (später verh. Rühle) erfahren wir, dass es hier – kurzzeitig – eine Art „Kinderferienlager“ unter einfachsten Bedingungen (z. B. Waschen am Brunnen im Hof) gegeben hatte. Später dann, bis zur Wende, war im Saal im ersten Stock ein Materiallager des DRK der DDR.

Unter den neuen Bedingungen nach der Wiedervereinigung wurde der Gasthof am 1. Februar 1991 von der Familie Rühle wiedereröffnet.
Nebenstehend eine Annonce von 1994 aus der Broschüre „Gemeinde Einsiedel, Landkreis Stollberg“.
Hier finden wir nun auch das Wort „Pension“. Die sechs Zimmer wurden im ersten Stock im ehemaligen Saal geschaffen und ab 10. Februar 1993 vermietet.
Nachfolgend zwei Aufnahmen aus unserem Archiv vom 20. August 2005.


Das Gasthaus hatte letztmalig am Wochenende 27. und 28. Mai 2017 geöffnet, seitdem ist es dauerhaft geschlossen. Die Pension mit sechs Zimmern wurde weitergeführt.
Seit spätestens Dezember 2022 wird das gesamte Objekt auf verschiedenen Portalen zum Verkauf angeboten.

Für die Unterstützung zu dieser Seite bedanken wir uns bei:
- Dr. Steffen Lieberwirth
Sämtliche Fotos und Dokumente dieser Seite stammen, wenn nicht anders angegeben, von ihm:
Aus dem Nachlass der Berbisdorfer Familie Friedrich Hermann Richter (1855–1912) und Clara Auguste Richter (1853–1931), Sammlung des Urenkels: Dr. Steffen Lieberwirth
(Die Originaldokumente befinden sich mittlerweile im Stadtarchiv Chemnitz.) - Daniela und Renate Rühle
- … und wie immer allen genannten Bereitstellern von Fotos und Dokumenten.
Fußnoten und passende, ergänzende Artikel zu dieser Seite:
- Einsiedler Hauptstraße 76: Zur Lehngerichtsbarkeit allgemein und zum Einsiedler Lehngericht ↩︎
- Harthauer Weg 3a: Die Einsiedler Kirche – Weihe 1966 ↩︎
- Harthauer Weg 1: Das „Haus der Photographie“ ↩︎
- Eibenberger Straße: Die Ziegenschweiz ↩︎









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