Vom Turnerheim, vom Kurt-Günther-Heim, vom Pionierlager und von der F+U
Für die Geschichte des Geländes des ehemaligen Turnerheimes mit Sportplatz und des nachmaligen Pionierlagers müssen wir bis ins Jahr 1916 zurückgehen.

In diesem Jahr war der Landwirt Bauer („Bauer-Bauer“) bereit, ein Grundstück am Dittersdorfer Weg zu veräußern, welches unmittelbar am Wald lag. Der Einsiedler Arbeiterturnverein Germania e. V. (nicht zu verwechseln mit dem bürgerlichen Turnverein Einsiedel e. V.) zeigte Interesse am Kauf.
Allerdings war Bauer – vermutlich aus ideologischen Gründen – nicht bereit, an den Verein zu verkaufen. So wurde nun das Geschäft über einen Dritten abgewickelt, der als Strohmann im Auftrag von Germania e. V. handelte und sich als Gärtner ausgab.
Turnerheim Einsiedel
Um nach dem Kauf den Schein zu wahren und vor allem aber, weil es die Not gebot (Erster Weltkrieg), wurden durch die Turner erst einmal diverse Beete angelegt und Gemüseanbau betrieben.
1920 begann dann der eigentliche Sportplatzbau, der erst 1928 intensiviert wurde und sich über zehn Jahre hinzog.


Anfangs galten die Anstrengungen erst einmal der Besorgung und dem Bau einer passenden Unterkunft. Die Fotos zeigen uns eine von den Sportlern in der Reichshauptstadt Berlin erworbene Baracke.
Diese wurde 1921 in zerlegten Einzelteilen nach Einsiedel transportiert und 1922 hier aufgestellt.
(Fotos: links Thomas Schwebe, rechts Maria Engelhardt)


Diese recht große Baracke nannte sich fortan Turnerheim Einsiedel.
Sie wurde 1922 geweiht und erhielt im selben Jahre eine Schankkonzession. Wie wir sehen, gab es sogar ein eigenes Geschirr.
Rechts eine Annonce aus dem Jahre 1926.
Neben den Turnern selbst fanden hier noch viele andere Einsiedler Vereine eine Bleibe.

Markant: ein im Gelände errichteter Gedenkstein für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Vereinsmitglieder.
Ohne die uns heute bekannte „schwere Technik“ erfolgte der Sportplatzbau zwischen 1928 und 1930. Unzählige Kubikmeter Erde wurden bewegt, um eine ebene, gerade Fläche zu schaffen. (Foto unten links: Maria Engelhardt)


Links: Ein Sommerfest nach Abschluss der Bauarbeiten 1930.
Aber auch all die Jahre davor gab es ständig sportliche Wettbewerbe und Feste, die uns heute auf ein erfülltes Vereinsleben schließen lassen. Rechts eine Urkunde von einer Werbeturnveranstaltung im Juli 1926.
Oben: Sportler (linkes Bild) und zahlreiche Zuschauer (Mitte) ziehen die Turnstraße (heute Schollstraße) hinauf. Ziel ist natürlich der Sportplatz und das Turnerheim. Ob sich nachfolgend dann die oben rechts abgebildeten Aktivitäten wie das Geräteturnen abspielten, ist unklar. Die Kleidung der Sportler auf beiden Bildern lässt uns aber einen eventuellen Zusammenhang erahnen. Aufnahmezeitpunkt ist vermutlich 1931, da zu diesem Zeitpunkt das nun endgültig fertiggestellte Gelände noch einmal mit einem großen Fest geweiht wurde.
(Fotos: H+G Einsiedel)
Lange währte die Freude der Arbeitersportler indes nicht …
Kurt-Günther-Heim
1933, mit der Machtübernahme der NSDAP, wurde der Germania e. V. verboten. Daraus kann geschlossen werden, dass der Verein sich nicht nur sportlich, sondern auch politisch betätigte.
Beispielsweise fand vom 15. bis 31. August 1928 hier im Gelände das Gau-Führer-Lager des „Rotfrontkämpferbundes“ und der „Roten Jungfront“ Erzgebirge/Vogtland statt.
Obwohl die Nationalsozialisten zum Zeitpunkt gegen alles und jeden kämpften, gab es wohl keine schlimmeren politischen Gegner für sie als die Kommunisten.

Fortan nutzte die SA die Anlagen. Der oben beschriebene und abgebildete Gedenkstein für die gefallenen Weltkriegsteilnehmer wurde unsinnigerweise von ihr entfernt. Sportplatz, Sportgeräte und das Turnerheim wurden „Eigentum“ von SA und HJ. Das Turnerheim Einsiedel wurde in Kurt-Günther-Heim umbenannt.
Siehe zu Kurt Günther auch unseren ausführlichen Artikel hier. Der oberste SA-Chef Ernst Röhm (rechts) war zur Umbenennung persönlich da und der Einsiedler SA-Sturm und das Jungvolk staunten nicht schlecht, dass dieser schon vor Ort war, als sie den Hang hochgehetzt kamen.
Sportfeste gab es freilich auch weiterhin. Nachfolgend drei Fotos von einer solchen Veranstaltung am 23. und 24. Juni 1934.
Gut zu unterscheiden sind Sportler und Nichtsportler, aber sämtlich Mitglieder des Einsiedler SA-Sturmes Kurt Günther (Bild rechts)

Nach den anglo-amerikanischen Bombenangriffen im Februar und März 1945 wurden in der unzerstört gebliebenen Baracke mehrere notdürftige Wohnungen und das Büro des Forstamtes Einsiedel eingerichtet.
Links eine Zeichnung des Turnerheimes aus besseren Tagen.
(Vorlage: H+G Einsiedel)

Das nebenstehende, leider etwas unscharfe Foto stammt vom ersten nach dem Krieg wieder stattfindenden Sportfest im Jahre 1945.
(Foto: Maria Engelhardt)
Zentrales Pionierlager

Nach dem Krieg fanden dann erstmals Ferienaufenthalte in Zelten statt.
Vorerst lediglich für die Einsiedler Schüler geplant und ausgestaltet, kamen während des griechischen Bürgerkrieges 1948 noch griechische (Waisen-)Kinder hinzu.
(Foto: Maria Engelhardt)


Appelle, Aufmärsche und politische Einflussnahme gab es für die Kinder und Jugendlichen von Anfang an.
Fahnen und Symbole änderten sich und das Weltbild kippte von nationalsozialistisch zu sozialistisch, ansonsten ging es in dem seit 1933 in Deutschland bekannten Ritt weiter.
Die auf dem rechten Foto zu sehende hölzerne Bühne wird bald einem massiven Bauwerk aus Stein weichen.
(Fotos: Maria Engelhardt)
1951 wurde dann dieses Zeltlager erheblich erweitert und als „Zentrales Pionierlager“ offiziell eröffnet. In den Sommerferien war diese „Zeltstadt“ dann nicht nur von Kindern aus der DDR voll belegt. Wir sehen nachfolgend fünf (in hohen Stückzahlen) produzierte Ansichtspostkarten und ein Foto aus dieser Zeit. Sie gewähren uns einen recht umfassenden Eindruck in das Lagerleben in den 1950er und -60er Jahren.

Der erste Namenspatron für das Lager war der ungarische Jude, Stalinist und (ab 1952) Ministerpräsident von Ungarn, Mátyás Rákosi.
Nach dem Tod Stalins entglitt dessen Protegé Rákosi aber sukzessive die Macht in Ungarn, sodass er 1956 in die Sowjetunion floh, wo er 1971 starb.
(Foto: Maria Engelhardt)

Namensnachfolger wurde der Italiener Palmiro Togliatti. Dessen Namen trug nun das Einsiedler Pionierlager fortan, er sollte die ganze DDR-Zeit überdauern.
Hier Eingangsbereich des Pionierlagers mit neuem Namenspatron um 1955.
(Foto: Maria Engelhardt)


Strohlieferung im Pionierlager.
In den ersten Jahren waren in den Zelten die Lattenroste mit Strohsäcken belegt.
Darauf schliefen die Kinder mit einfachen Decken, Schlafsäcke waren noch unbekannt.
Rechts: Ein wenig besser war es um die Waschgelegenheiten bestellt …
(Fotos: Maria Engelhardt)


In der ersten Hälfte der 1950er Jahre wurde auch der Eingangsbereich umgestaltet, wie uns die beiden nebenstehenden Ansichtskarten zeigen.

Nach unwetterartigen Regenfällen im Juli 1954 musste das Lager evakuiert werden.
In Einsiedel selbst mündeten diese Regenfälle in ein Hochwasser.
(Foto: Maria Engelhardt)

Wohl um 1950 wird das für lange Zeit einzige massive Gebäude auf dem Areal errichtet. Es dient in erster Linie als Krankenstation.
Die Lage dieses Gebäudes, direkt am Waldrand, ergibt sich aus der nebenstehenden Aufnahme recht gut.

Beachtenswert ist auch die hier gut erkennbare, nunmehr aus gemauerten Steinen errichtete Bühne.
(Postkarte links: Klaus Gagstädter)


Der Weg ins Dorf. Am Bildrand noch erkennbar der Giebel der Krankenstation, dahinter das Zeltlager.
Rechts der gleiche Standort am 16. Januar 2011.


Das ehemalige Turnerheim respektive Kurt-Günther-Heim hat auch einen neuen Namen: Kurt-Franke-Heim. (Ergänzender Artikel zu Kurt Franke: Kurt-Franke-Straße.)
(Fotos: links H+G Einsiedel, rechts Jürgen Krauß)
Die recht große Baracke beherbergt die Wohnung des Hausmeisters, die Büros der Lagerleitung, die Lagerbibliothek sowie ein Spielgerätelager. An der Stirnseite im Keller befand sich eine kleine Verkaufseinrichtung, wo die Kinder Getränke oder auch Ansichtskarten erwerben konnten.

Vom Kurt-Franke-Heim aus Richtung Osten erstreckten sich weitere Baracken, in einer war der Speiseraum.
In einer anderen Baracke befand sich die Küche mit einem für Großküchen üblichen Raum mit entsprechend dimensionierten Kesseln, einem Raum für die kalte Küche, und zusätzlich waren auch noch die Räume der „Freundschaftsleitung“ hier untergebracht.
Links ein Foto von der Essenausgabe, wohl einer der wichtigsten Momente im Tagesablauf.
(Foto: H+G Einsiedel)


Ein im Jahre 1961 im Lagergelände stattgefundenes Reit- und Springturnier blieb die einzige Veranstaltung dieser Art hier.
Ein Lagerausweis für Bedienstete des Pionierlagers aus den 1960er Jahren.
(Vorlage: Maria Engelhardt)

„Blick zum Kinderferienlager“ nennt sich die nebenstehende Postkarte. Die Aufnahme ist wohl im Herbst oder Frühjahr entstanden, das Lager ist leer, es sind keine Zelte errichtet.
Das Motiv gab es auch noch in einer retuschierten Fassung. Dabei hat man den Strommast (Bildmitte unten) und den Schornstein der Gärtnerei Schwarz kunstvoll entfernt.
Dieses retuschierte Bild ist hier noch einmal im Vergleich zu sehen.
(Vorlage: Hans-Christian Günther)


Der auf den beiden nebenstehenden Fotos im Hintergrund zwischen den Nadelbäumen erkennbare Gedenkstein war dem ehemaligen Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) Ernst Thälmann gewidmet…

… wie uns die nebenstehende Nahaufnahme deutlich macht.
(Foto: Maria Engelhardt)
Aber Thälmann, der in der DDR hoch verehrt wurde und man kann wohl sagen einen Märtyrer-Status hatte, war nicht der einzige, dem man im Lager gedachte.
Im Sinne und Gedenken an den „Rotfrontkämpferbund“ und der „Roten Jungfront“, die, wie weiter oben erwähnt, hier im Jahre 1928 ihr 2. Reichsführertreffen („Gau‑Führer‑Lager“) abgehalten hatten, sind für 1974 und 1978 entsprechende Traditionsmärsche von GST und FDJ nachgewiesen.
Wir lesen dazu in der Chronik von Max List:
In den Vormittagsstunden [29. Juni 1974] bekunden 1000 Wehrsportler und FDJ ler mit dem Marsch der Bewährung „Auf den Spuren der Roten Jungfront“ vom Theaterplatz in Karl-Marx-Stadt in das 13 Kilometer entfernte Einsiedel ihre Bereitschaft zur Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes.


Zwei von im Lager erhältlichen und in beachtlicher Auflage erschienenen Ansichtskarten, beide liefen postalisch 1973.
Die Motive sind aber schon in früheren Jahren nachgewiesen.

Aber nicht jedem gefiel es im Einsiedler Pionierlager …
Ab 1977 erfolgten im Lager äußerst umfangreiche, den gesamten Komplex völlig verändernde Baumaßnahmen. Die Zelte und die bisher in Baracken untergebrachten Wirtschafts- und Sozialräume wichen massiven Gebäuden und Bungalows.


Auf den Fotos sehen wir links die Baustelleneinfahrt, dahinter das neue Küchengebäude, rechts ein entstehendes Unterkunftsgebäude für die Kinder.
(Fotos: H+G Einsiedel)

Die 1922 von den Arbeitersportlern errichtete Unterkunft, das jetzige Kurt-Franke-Heim, wurde ebenfalls überflüssig und abgerissen.
Unklar ist noch der Zeitpunkt des Abrisses, die Aussagen reichen von 1977 bis 1982.
Neben den bereits weiter oben beschriebenen Wirtschaftsräumen befand sich hier in der Baracke bis 1975 auch die Wohnung des Hausmeisters.
(Foto: H+G Einsiedel)

Das Krankengebäude blieb erhalten, wurde aber als solches nicht mehr genutzt. 1982 wurden vom Trägerbetrieb „8. Mai“ die Räumlichkeiten des Hauses zu Wohnungen umgebaut. Diese waren ausschließlich Betriebsangehörigen vorbehalten.
Rechts ein Postkartenmotiv aus den 1970er Jahren.
Für dieses Gebäude, heute unter der Hausnummer 27 zu finden, haben wir eine eigene kleine Seite erstellt.
Nach Abschluss der Baumaßnahmen im Lager hatte dieses sein Äußeres radikal verändert – sehr zum Vorteil für die Kinder und Angestellten und natürlich auch für Einsiedel:

Küchengebäude … 
… mit großem Speisesaal. 
Das neue Kulturgebäude.

Rechts das Verwaltungsgebäude, im Hintergrund Küche und Speisesaal. 
Die Zeltunterkünfte waren modernen zweistöckigen … 
… beheizbaren Gebäuden gewichen.


Nebenstehend zwei Postkartenmotive, die uns das Lagerleben Ende der DDR visuell näherbringen.
Ein sogenanntes „Freundschaftstuch“, welches man im Lager käuflich erwerben konnte. Es zeigt den Gesamtkomplex in einer „Luftbildaufnahme“.
Die F+U Gemeinnützige Bildungseinrichtung

1991 übernimmt die F+U Gemeinnützige Bildungseinrichtung für Fortbildung und Umschulung GmbH (Heidelberg) das – nunmehr ehemalige – Pionierlager Einsiedel von der Treuhand-Anstalt.
Eine Fläche von rund 71.000 m² Grund und Boden und rund 16.000 m² umbaute Hülle wechseln den Besitzer.
F+U Heidelberg vermietet das Areal an das eigene Tochterunternehmen F+U Sachsen, einen gemeinnützigen Chemnitzer Bildungsträger. Die hier angebotenen Qualifizierungen und Weiterbildungen sind vielfältig und erstrecken sich vom Restaurant-, Hotel- und Küchenwesen über Lager und Büro bis zur Hauswirtschaft.


Zwei Fotos vom 7. Mai 2011. Links der Eingangsbereich, rechts das Küchengebäude, es wird zur Ausbildung von Köchen bei der F+U dementsprechend genutzt.


Einige Unterkunftsgebäude am 7. Mai 2011.

Die Turnhalle, eine Aufnahme vom 7. Mai 2011.
Obwohl sich diese außerhalb des umfriedeten Komplexes befindet, gehört auch sie zur F+U.
Die Turnhalle steht gegen Entgelt auch Turn- und Sportvereinen zur Verfügung.
Zum Zeitpunkt gehört die F+U Sachsen schon längst nicht mehr als Tochter zur F+U Heidelberg, seit 2008 agiert sie selbstständig am Markt.
Im Juli 2014 endet auch der Mietvertrag für das Objekt, die F+U Sachsen wirkt fortan in der Altchemnitzer Straße in der Nähe des Südbahnhofes. Und im September 2014 lesen wir:
Das F+U Unternehmen F+U Academy of Languages wird in wenigen Wochen mit dem Schulbetrieb des F+U Campus Chemnitz am Dittersdorfer Weg 25 beginnen.
Aber dem war nicht so und der Zeitabschnitt, der jetzt folgt, wird in seiner Charakteristik ein ganz anderer werden …


















