Die Entlastungsstraße

Zum Bau der Entlastungsstraße zwischen Einsiedel und Erfenschlag in den Jahren 1937 und 1938

Baubeginn war der 3. September 1937. Die offizielle Beendigung erfolgte am 30. September 1938.

Der Baukostenvoranschlag betrug 185.000 Reichsmark. Die Kosten beliefen sich am Ende auf 186.082,85 Reichsmark. (Quelle: Gemeindekasse Einsiedel)

An den Kosten beteiligten sich nach langen Verhandlungen nicht nur anfangs die Gemeinde allein, später auch das Land Sachsen und das Deutsche Reich.

Bauausführende waren:
Firma Emil Leonhardt KG Brücken- und Betonbau aus Siegmar-Schönau
Firma Emil Metzner Tiefbau und Steinsetzarbeiten aus Thalheim

Beide Firmen nutzten neben ihrem Stammpersonal auch Notstandsarbeiter aus Einsiedel. Das geht aus den noch vorhandenen Lohnlisten hervor. Notstandsarbeiter waren Arbeitslose, die dadurch eine finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde erhielten. Die Zahlen schwankten zwischen 40 und 68 Beschäftigten.

Gründe für den Entlastungsstraßenbau:

Erhöhtes Verkehrsaufkommen auf Straße und Schiene zwischen Einsiedel und Chemnitz.

Der Verkehrsfluss auf der Landstraße I. Ordnung wurde zwischen Einsiedel und Erfenschlag durch zwei beschrankte Bahnübergänge, vermehrt durch Zweigleisigkeit der Strecke, sehr häufig unterbrochen. Omnibusse und LKW fanden auf der schmalen Straße kaum Ausweichmöglichkeiten.

Die Straße musste also dringlich entlastet werden.

Diese Thematik wurde in den Jahresberichten der Gemeinde regelmäßig schon seit Jahren als Schwerpunkt  erwähnt, wurde aber erst 1937 realisiert.

Verschiedene Probleme mussten dabei gelöst werden.

Ein Brückenbau stand an, ein zweiter oder sogar dritter wurde durch Verlegung der Zwönitz an der Flurgrenze zur Gemarkung Erfenschlag überflüssig. Die Verlegung des Flusses war relativ problemlos geworden, denn der bisherige Nutzer, der SK Einsiedel, sprich Sportklub Einsiedel, verfügte seit 1933 nicht mehr über seinen Sportplatz. Der bestehende Eisenbahnanschluss zur ehemaligen Papierfabrik musste erhalten bleiben. Daran ließ der neue Eigentümer, die Wehrmacht, nicht rütteln. Sie hatte dort ein Heeresverwaltungslager eingerichtet. Gegen Ende der Straßenbauarbeiten setzte das Heeresbauamt der Gemeinde Einsiedel einen verbindlichen dringlichen Termin, dass bis zum 14.9.1938 der blockierte Anschluss wieder voll befahrbar ist. Die von der Gemeinde beauftragte Firma Paul Keller Eisenbahn- und Straßenbau Chemnitz realisierte das termingerecht.

Mit verschiedenen Privatanrainern wurden langwierige Verhandlungen geführt über Verkäufe oder Zukäufe von Grund und Boden. Es gab auch mit Erfenschlager Interessenvertretern Abmachungen, die den Mühlgraben und Flurstücke betrafen. In Richtung Erfenschlag hatten die Baufirmen linksseitig noch einen einfachen Fußweg angelegt. Die ursprünglich daneben gepflanzten Alleebäume überstanden nach Kriegsende nicht die Feuerungsnöte der Anwohner. So ist der heutige Stand als Wildwuchs lediglich eine Notlösung geblieben.

Interessant ist auch in diesem Zusammenhang folgendes. Die zur Papierfabrik gehörige Wiese (Flst.143) wollte die Wohnungsbaugenossenschaft Einsiedel-Erfenschlag in ein Wohngebiet umwandeln. Der Bauantrag wurde allerdings am 11. Oktober 1938 von der Amtshauptmannschaft Chemnitz abgelehnt. Begründung: Es besteht eine erhöhte Luftgefahr für das Wehrmachtobjekt. Am 4. Januar 1939 widersprach allerdings das Luftgaukommando IV dieser These. Es gebe keine Bedenken aus fliegerischer Sicht. Aber eine eventuelle Tarnung der Wehrmachtsanlage erfordere aufgrund der Entfernung von ca. 500 m allerdings auch eine Tarnung der Wohngebäude.

Am 11. Januar 1939 verfügte der Chemnitzer Regierungspräsident, dass aufgrund der aufgeschütteten Böden eine Wohnbebauung ausscheidet.

Das war vielleicht auch ein richtiger Entscheidungsgrund. Zeitzeugen berichteten, dass auf dieser Wiese über Jahre Papierschlämme abgelagert wurden, die beim Straßenbau zutage kamen und da erhebliche Schwierigkeiten bereiteten.

Seit November 1938 bemühte sich Friedrich Leimbrock, der Gießereibesitzer, den Papierfabrikteich komplett zu verfüllen. Er begründete das damit, Einsiedel brauche das Gewässer nicht als Feuerlöschteich, der Ort habe inzwischen ausreichend Hydranten installiert und eine Wasserzuführung über den noch vorhandenen Mühlgraben erübrige sich. Das Wehr war da noch funktionsfähig, aber auch in die Jahre gekommen und hätte viele Kosten verschlungen.  Die Gemeinde erhob dazu keine Einwände. So begann während des Straßenbaues auch das Verfüllen des Mühlgrabens mit Abbruchmaterial und Gießerschlacke. Der Teich aber blieb noch bestehen.

Nun noch ein Wort zu Erfenschlag. Die Firmen Speer, eine Plüschweberei, und Richter, eine Ölmühle, benötigten den Mühlgraben als Energieerzeuger nicht mehr und gestatten dessen Verfüllung soweit oberirdisch. Außerdem stimmten sie dem Ausbau zu, um das Flussbett der Zwönitz in den  bisherigen Mühlgrabenabschnitt am Flurstück 142a zu verlegen.

Die alte Erfenschlager Straße wurde am 1. März 1939 als Landstraße I. Ordnung zurückgestuft und die Entlastungsstraße zur Landstraße I. Ordnung Nr. 260 erhoben.

Die Reichsbahn erzwang am 3. Oktober 1938 den Abbruch des Übergangs Dorfweg (im Volksmund Börnersteig). Dieser kostete der Gemeinde stolze 12.500 Reichsmark. Das war eine Forderung im Zusammenhang mit dem Straßenbau. Allerdings konnte der Fußübergang am Anschlussgleis zur Papierfabrik erhalten bleiben, obwohl die Reichsbahn diesen gegen den Willen der dortigen Anwohner ebenfalls auflösen wollte.

Als die Entlastungsstraße gebaut wurde, entschloss man sich aus Kostengründen zu einer sogenannten „wassergebundenen Straßendecke“, die allerdings den hohen Belastungen schon nach kurzer Zeit nicht mehr standhalten konnte. Denn bereits am 29. März 1939 beschloss der Gemeinderat das „Aufbringen einer hochwertigen Decke, einer 4 cm starken Kaltasphalt-Mischdecke“.

Die Arbeiten begannen zügig im April und waren im Mai 1939 beendet. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 12.396 Reichsmark. Einsiedel zahlte 3.396 RM, Sachsen 3.000 RM und das Reich ebenfalls 3000 RM.

Dieser Belag überstand den Krieg, die sowjetisch besetzte Zone und die ersten Jahre der DDR. So finden sich plötzlich in den Unterlagen Hinweise, die auf die Straßenzustände im Jahr 1953 zeigen.

Das Verkehrssicherheitskollektiv Einsiedel schreibt am 22.10.1953 an den Bürgermeister: „Die Entlastungsstraße ist kaum noch befahrbar!“  Der Bürgermeister bittet die nächsthöhere Instanz um Abhilfe. Der Rat des Kreises antwortet am 24.10. der Gemeinde: „Wir können den Busverkehr nicht verringern, da die Reichsbahn schon völlig überlastet ist“.

Am 28.10. schreibt die Staatliche Straßenbauunterhaltung Karl-Marx-Stadt: „Uns fehlt es an Material, Arbeitskräften und Technik. Wir können momentan nicht helfen“. Ab Dezember 1953 fuhren vorerst keine Omnibusse nach und durch Einsiedel. Ein Wiederbeginn ist wahrscheinlich im Jahr 1955 zur 700 Jahrfeier gewesen. Wer von den Zeitzeugen erinnert sich noch?

Am Lageplanausschnitt von Einsiedel aus dem Jahr 1928 (unten links) sind folgende Zahlen mit den entsprechenden Erläuterungen vermerkt. Unten rechts die aktuelle Streckenführung (Quelle: OpenStreetMap)

  • 1. Hier befand sich der Sportplatz des ehemaligen SK Einsiedel (Sportklub)
  • 2. Der Flussverlauf der Zwönitz endete fast am Bahnkörper
  • 3. Der Verlauf des Mühlgrabens Richtung Erfenschlag diente dann als neues Flussbett
  • 4. Die alte Wiese, Flurstück 143, sollte mit Wohnhäusern bebaut werden.
  • 5. Das Anschlussgleis zur ehemaligen Papierfabrik. Hier entstand später der Eisenbahnhaltepunkt für die BBS 8. Mai (Betriebsberufsschule) und das Gymnasium Einsiedel.
  • 6. Das abzureißende Stall- und Lagergebäude der ehemaligen Papierfabrik
  • 7. Der Standort für die ab 1937 gebaute Entlastungsstraßenbrücke
  • 8. Die Mühlgrabenüberbrückung in Höhe des Hauses Fasold

Aus Privathand gelangten einige Fotos vom Bau der Entlastungsstraße in meinen Besitz, die ich hier veröffentlichen werde.

Straßenführung in Einsiedel, Unterdorf, bis 1938, vor dem Bau der EntlastungsstraßeHinter der Litfaßsäule und der Benzinzapfsäule begann geradeaus die Entlastungsstraße 1937/38. Nach links bog noch die alte Straßenführung ab.
Linkes Gebäude: Ehemals Fasold, später Frede.
Rechtes Gebäude: Kaiserhof Kino und Gaststätte Besitzer Weilach.
(Fotoquelle: Maria Frede)

Mühlgrabenabdeckung Einsiedel, Unterdorf,1963, dort auch Beginn der EntlastungsstraßeDas Foto zeigt die betonierte Abdeckung des Mühlgrabens in Höhe des Hauses Fasold mit noch vorhandenem Originalgeländer.
(Aufnahme: K. Böttger 1963)

Am Dienstag, dem 4. Oktober 1938, erschien in der Allgemeinen Zeitung Chemnitz (Quelle: Stadtarchiv Chemnitz) ein Beitrag unter dem Titel: Neue Straße Einsiedel-Erfenschlag

Im Zeitungsartikel sind einige Pläne erwähnt, die aber 1938/39 anders liefen.

"Allgemeine Zeitung Chemnitz", 4. Oktober 1938

„Allgemeine Zeitung Chemnitz“, 4. Oktober 1938

Quellen: Stadtarchiv Chemnitz, herzlichen Dank!

Ingobert Rost im September 2020


Soweit also zum Artikel von Ingobert Rost, veröffentlicht im „Einsiedler Anzeiger“ November 2020.
Wir sagen herzlichen Dank für die Möglichkeit, diesen auch hier zu publizieren!

In unserem Archiv haben wir noch einige Daten und Bilder, die diese Seite sinnvoll ergänzen – wir wollen sie nicht vorenthalten:

Erfenschlager Straße in Einsiedel um 1935.
Die Ansichtspostkarte oben lief postalisch am 24. Juni 1939, zu einer Zeit also, in der der gezeigte Straßenabschnitt nur noch untergeordnete Bedeutung hatte. (Vorlage: Jürgen Fritzsche)
Blick zur Papierfabrik Einsiedel lange vor dem Bau der Entlastungsstraße. Im Vordergrund die Gärtnerei Weniger.

Anfang der 1930er Jahre fuhren täglich 38 Zug- und 12 Busverbindungen durch Einsiedel, aber Ideen für eine sogenannte “Entlastungsstraße“ gab es bereits seit etwa 1905.
Die neue Entlastungsstraße begann am Gasthof “Kaiserhof“ und führte durch das Gelände der 1930 in Konkurs gegangenen Papierfabrik. Das der Fabrik vorgelagerte und für die neue Straßenführung genutzte Gelände ist auf dem Foto oben recht gut zu sehen. Im Hintergrund die Gebäude der Papierfabrik, die betriebseigene Straße links ist deutlich erkennbar. Als markanter Punkt kann der Papierfabriken-Teich rechts gelten. Da es ihn noch heute in ähnlicher Form gibt („Teich am Gymnasium“), kann er als Bezugspunkt dienen: links neben dem Teichrand, da, wo sich die kunstvoll angelegten Gartenwege schlingen, befindet sich heute die Straße.
Die beiden Bilder oben und unten zeigen uns im Vordergrund die „Gärtnerei Weniger“. Hier ist der Name Programm: noch weniger als die beiden Fotos und eine Namensnotiz ebenda haben wir zu diesem Unternehmen in unseren Unterlagen nicht …

Einsiedel: Gärtnerei Weniger und Papierfabrik etwa 1896.
Am linken Bildrand das im Artikel erwähnte Stall- und Lagergebäude der Papierfabrik, welches im Zuge des Straßenbaus abgerissen wurde.

Oben links: Die Toreinfahrt wird in wenigen Jahren das „Tor zur Entlastungsstraße“, soll heißen, an dieser Stelle wird die Einbindung in die Erfenschlager Straße, auf welcher der Fotograf steht, erfolgen. Hinter dem Pkw ist der Bahnübergang gut zu erkennen.
Oben rechts in etwa die gleiche Stelle. Der Bahnübergang in km 8,5, jahrzehntelang nur für Fußgänger geöffnet, ist zum Zeitpunkt provisorisch asphaltiert und lediglich mit Bauzäunen gesichert, also eigentlich befahrbar. Dies dient in erster Linie der Errichtung des neuen Haltepunkts Erfenschlag-Ost. Der Bau ist schon weit fortgeschritten und in der Bildmitte erkennbar.
Nach Fertigstellung der Strecke kommen hier wieder die Umlaufsperren zum Einsatz und man erreicht diesen Zipfel der Erfenschlager Straße mit mehrspurigen Fahrzeugen nur über die Kurt-Franke-Straße in Einsiedel.


Heimatwerk Einsiedel sagt Danke!

 

Für die Unterstützung zu dieser Seite bedanken wir uns bei:

  • Ingobert Rost
  • Silvio Müller

Links zu weiteren interessanten Seiten

 

Passender, ergänzender Artikel zu dieser Seite:


Kurt-Franke-Straße

2 Kommentare

Daniel Schulze

Der lang ersehnte Artikel zur „Entlastungsstraße“, endlich ist er da. Viele Informationen und reichlich Bilder zu diesem Projekt.
Ich danke dem/den Autor(en) für die mühevolle Arbeit.
Anbei die Frage, ob ich den Link auf diesen Artikel an passender Stelle in unserer Webseite einbauen dürfen?
Vielen Dank und viele Grüße – Daniel S. aus Erfenschlag

Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.