Die Chemnitzer Papierfabrik zu Einsiedel

Vormals „Untere Mühle“, später Eismannsche Spinnerei

 

Spinnerei Eismann in Einsiedel um 1840Bereits im Meilenblatt von 1700 finden wir in der Waldstraße die “Untere Mühle”.
In den Jahren 1821/22 errichtete Christian Gottlob Eismann auf diesem Grundstück durch Neubau eine Baumwollspinnerei. Der nebenstehende Holzstich zeigt uns den Zustand derselben etwa um 1840.

Am 19. Mai 1871 gründeten sechs Aktionäre dann die hier behandelte Papierfabrik (Datum in anderer Quelle: 5. September 1871). Diese “Actiengesellschaft” gab 3.000 Aktien zu je 100 Talern heraus, das waren 2.400.000 Mark.
Die Aktionäre nutzten die Gunst der Stunde – soeben hatten sich 25 deutsche Einzelstaaten zum “Deutschen Reich” zusammengeschlossen. Man sah anlässlich des Friedensschlusses mit Frankreich und dessen Reparationszahlungen in Höhe von fünf Milliarden Francs der Zukunft freudig entgegen und erhoffte sich ein “Goldenes Zeitalter” für Industrie und Handel. Was nun kam, ging in die Geschichte als die sogenannte Gründerzeit ein.

Bereits 1868 verkaufte der damalige Lehnrichter Karl Funk (nach ihm wurde die “Funkstraße” benannt) sein daneben liegendes Grundstück. Darauf befanden sich mehrere Quellen, die ein vorzügliches Wasser lieferten. Dieses eisenfreie, chemisch reine Wasser eignete sich hervorragend für die Herstellung verschiedenster Papiersorten.

 

 

Werbeanzeige Papierfabrik Einsiedel 1908Einsiedler Papierfabrik, Werbeanzeige 1926Im angelegten Mühlgraben leistete das Wasser der Zwönitz 33 PS für den Antrieb der Turbine, weiterhin sorgten zwei Dampfmaschinen für ausreichend Kraft. Man schrieb das Jahr 1872, die Wirtschaft boomte, und so beschloss man am 30. Juni, eine Gasanstalt zu bauen, um die Produktion ständig am Laufen halten zu können.
Die Fabrik fertigte Papiere von verschiedenster Güte, wie die nachstehenden Werbeofferten zeigen, links 1926, rechts 1908.

 

 

 

 

Papierfabrik Einsiedel, Postkarte um 1905Die Postkarte links und das Foto darunter zeigen uns den ehemaligen Straßenverlauf zur Fabrik. In ganz groben Zügen geht heute hier die Hauptstraße nach Erfenschlag entlang.
Über den Bau der Entlastungsstraße und die völlige Umgestaltung des Areals berichteten wir bereits an anderer Stelle an anderer Stelle.

Die Postkarte links lief am 3. März 1905, im gleichen Jahre lag die Zahl der beschäftigten Arbeiter bei 250.

 

 

 

 

 

Gärtnerei Weniger mit Papierfabrik Einsiedel im HintergrundIm Vordergrund sehen wir die Anlagen der Gärtnerei Weniger. Was die bisherige Heimatforschung zu diesem Betreib herausgefunden hat? Der Name „Weniger“ ist Programm, noch weniger Information als das Foto links und die Ansichtskarte darüber wurden bisher nicht gefunden. Selbst ein Adressbucheintrag ist nicht vorhanden. Es gibt lediglich eine handschriftliche Notiz „Gärtnerei Weniger“ auf dem nebenstehenden Foto.

 

 

 

 

Der PapierfabrikenteichUm ständig einen gleichmäßigen Vorrat an Wasserkraft zu haben, baute man einen großen Teich als eine Art Puffer ein, um unabhängig von der Jahreszeit produzieren zu können.
Das Foto zeigt uns einen Teil des Teiches. Dieser wurde 2011 saniert und ist heute viel kleiner.
Neben dem Teich gab es innerhalb der Fabrik noch ein großes Bassin, welches angelegt wurde, um das sogenannte “Röhrwasser” zu sammeln. Das war nichts anderes als Wasser, welches aus in den Berg getriebenen Röhren hervortrat. Diese Röhren befanden sich auf der Seite, von der auch das nebenstehende Foto aufgenommen wurde.
Der Zufluss war reichlich dimensioniert, pro Stunde konnten über 160 m³ Wasser entnommen werden. Das sicherte den Betrieb bei allen Witterungsverhältnissen.
(Foto: H+G Einsiedel)

 

Um 1900 herum betrug die Jahresproduktion etwa 3.000 Tonnen Papier. Einen Rückschlag musste die Fabrik im Jahre 1902 einstecken, ein Kurzschluss löste einen Großbrand aus, dem wertvolle Papiermaschinen zum Opfer fielen.
Hier sei angemerkt, dass das Unternehmen eine eigene Fabrikfeuerwehr unterhielt, welche den Brand in Zusammenarbeit mit freiwilliger- und Pflichtfeuerwehr löschte.

Das gesamte Areal der Papierfabrik war fast 3 Hektar groß und ein Eisenbahnanschluss, der etwa in Höhe “Am Hübel” in die Hauptstrecke mündete, war ebenfalls vorhanden.

Ungezählt sind auch die Postkartenmotive, auf denen die Papierfabrik abgebildet wurde. Nachstehend eine kleine Auswahl:

 

Aus alten SchriftenIn den Jahren 1910/11 wurde die maschinelle Einrichtung einer kompletten Rekonstruktion unterzogen und eine Kläranlage modernster Art filterte von nun an die Abwässer. Im Buch “Chemnitz in Wort und Bild – Festschrift zur Einweihung des Neuen Rathauses” finden sich viele kurze Firmenpräsentationen aus Chemnitz und Umgegend, so auch von der Papierfabrik, welche wir nachfolgend wiedergeben möchten:

Die Chemnitzer Papierfabrik zu Einsiedel bei Chemnitz

 wurde im Jahre 1871 von einer Aktiengesellschaft gegründet und kam 1873, zunächst mit 2 Papiermaschinen, in Betrieb. 1885 erfolgte die Aufstellung einer 3. Papiermaschine.
   Die Fabrik besitzt eigene Reparatur-Werkstätten mit Zimmerei, sowie alle Einrichtungen zur Lumpenhalbstoff-, Strohstoff- und Holzstoff-Erzeugung; nur Holzzellstoff kann sie nicht selbst herstellen, sondern muß diesen Rohstoff von auswärts beziehen.
   30 Holländer, 4 Kollergänge und 1 Wurster bereiten den Ganzstoff für die Papiermaschinen vor, welche täglich über 20000 kg Papier erzeugen. 4 Kalander, 4 Querschneider, 1 Liniermaschine dienen zur Ausrüstung der Papiere.
   Es werden erzeugt: feine und feinste Hadernpapiere, sowie mittelfeine Papier, insbesondere: Kupferdruck- und Lichtdruckpapiere, Notenpapiere, feine Werkdruckpapiere, Post-, Schreib- und Bücherpapiere, Normalpapiere, Kunstdruck-Rohpapiere, Streich- und Deckenpapiere, ferner als neue Spezialität: Lichtpaus-Rohstoffe.
   In der Jahren 1910/1911 wurden verschiedene Um- und Neubauten ausgeführt, die ganze maschinelle Einrichtung einer durchgreifenden Rekonstruktion unterworfen, und eine neue Kraftanlage modernster Art erstellt: 3 große Cornwall-Kessel (zusammen 368 qm Heizfläche) mit Überhitzern und Ekonomiser liefern stündlich ca. 8000 kg Dampf für eine, von der Görlitzer Maschinenbau-Anstalt erbaute 1000 PS Dampfturbine mit Zwischendampf-Entnahme, mit direkt gekuppeltem elektrischen Generator von den Siemens-Schuckertwerken, welche die Kraft an 38 Elektromotoren verschiedenster Größen von 200-2 PS abgibt. Hierzu kommen 30 PS Wasserkraft. Überdies sind Kläranlagen neuester Systeme, sowohl für das Fabrikationswasser, als auch für die Abwässer der Fabrik errichtet worden.
   Das Werk beschäftigt 20 Beamte und 220 Arbeiter.

Papierfabrik Einsiedel, Luftbildaufnahme aus den 1920er Jahren

Luftbildaufnahme Ende der 1920er Jahre

 

Papierfabrik Einsiedel um 1929Die nebenstehende Karte lief am 29. Januar 1929. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise und die Einsiedler Papierfabrik (wie auch die anderen Einsiedler Firmen) bekam diese voll zu spüren.
Nach fast 60 Jahren ununterbrochener Produktion zeichnete sich nun das Ende ab. Ein drastischer Einbruch bei den Aufträgen ließ den Vorstand am 30. September 1930 die Produktion einstellen. Die beabsichtigte Liquidation der Fabrik wurde trotz Interventionen der Gemeinde Einsiedel und des Fabrikarbeiterverbandes (eine Art Gewerkschaft) durchgeführt. Fast 400 Männer und Frauen verloren ihren Arbeitsplatz.

Gebäude und Grundstück wurden an die “Allgemeine Deutsche Kreditanstalt Chemnitz” übertragen, die dann von 1931 bis 1938 Eigentümer des Areals war. Maschinen und Einrichtungen wurde zum Teil verkauft, z.B. erwarb die Gemeinde Gersdorf für ihre Feuerwehr 1932 eine Motorspritze mit kompletten Zubehör. Wir lesen in alten Notizen: “Aus den Beständen der aufgelösten Fabrikfeuerwehr der Chemnitzer Papierfabrik in Einsiedel erhält die 2. Kompanie eine Motorspritze mit Zubehör (6 Meter Saugschlauch, 140 Meter Druckschlauch, 6 Strahlrohre und andere Ausrüstungsgegenstände).”
Eine weitere Papiermaschine aus der Konkursmasse kaufte die Firma “La Papelera Peruana” aus Chosica (Lima/Peru). Wir verweisen an dieser Stelle auf den hochinteressanten Artikel von Ingobert Rost im “Einsiedler Anzeiger” vom Oktober 2013. Dort ist beschrieben und bebildert, wie vier ehemalige Arbeiter der Papierfabrik die Maschine in Peru wieder zur Papierherstellung brachten.

 

 

Das Grundstück selbst blieb in der ganzen Zeit weitgehend ungenutzt. Lediglich Abrissarbeiten wurden an mehreren Gebäuden durchgeführt. Diese Arbeiten wurden von einem freiwilligen Arbeitsdienst ausgeführt, ähnlich der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) wie wir sie aus den 1990er Jahren kennen. Das gewonnene Abrissmaterial nutzte man als Unterbau für die 1937/38 errichtete Entlastungsstraße.

 

Essensprengung Papierfabrik Einsiedel 1938Schaulustige bei der Sprengung des Schornsteins der Einsiedler Papierfabrik

 

Höhepunkt dieser Abrissarbeiten war die Sprengung der Esse am 18. Mai 1939 (Himmelfahrtstag), was von unzähligen Schaulustigen beobachtet wurde.

 

 

 

 

 

 

Die Esse hatte schon einige Jahre zuvor die Gemüter der politischen Gegner in Einsiedel aufgewühlt. In der Nacht zum 1. Mai 1933 (der jetzt erstmals arbeitsfreier Feiertag war) hatte Michael Müller, Mitglied des linken Rotfrontkämpferbundes, eine Rote Fahne an der Essenkrone angebracht. Damit diese recht lange dort verblieb und um der SA die Beseitigung zu erschweren, hatte man die Steigeisen mit Schmierseife eingerieben, so dass die Fahne mehrer Tage in dieser exponierten Lage zu sehen war …

 

Hier endet nun die Geschichte der “Chemnitzer Papierfabrik zu Einsiedel”. Aber natürlich nahm die Nutzung des Areals ihren Fortgang. Doch das sind andere Abschnitte, andere Geschichten, die wir später vielleicht einmal auf separaten Seiten publizieren.

Der Vollständigkeit halber und um einen Lückenschluss in unsere heutige Zeit zu vollführen, hier die weitere Nutzung in wenigen groben Zügen:
1938 veräußerte die “Allgemeine Deutsche Kreditanstalt Chemnitz” Gebäude und Grundstück an die “Deutsche Wehrmacht”, die hier ein Heeresversorgungslager etablierte.
1942 mietete sich dann dort die kriegswichtige Firma Pfauter ein, die unter anderen Differentialgetriebe für Räderfräsmaschinen produzierte.
1945 wurden große Teile der Fabrik zerstört. Viele Einsiedler und Erfenschlager fanden während des Bombardements Unterschlupf in einem Stollen und waren somit dem anglo-amerikanischem Bombenterror nicht schutzlos ausgeliefert. Der Stollen war mit zwei Eingängen und Querschlag in den Berg hinter der Fabrik getrieben worden, die Größenangaben zu diesem variieren.

Berufsschule 8. Mai Einsiedel 1955In dem verbliebenen und von den Bomben verschonten Restgebäude etabliert nach dem Krieg der “VEB Großdrehmaschinenbau 8. Mai Karl-Marx-Stadt” eine Betriebsberufsschule, die selbstverständlich die Wendewirren nicht überstand.
Das Foto links zeigt die verbliebenen Restgebäude 1955.
(Foto: Wolfgang Röhr)

 

 

 

 

 

Haltepunkt Berufschule 8. Mai Einsiedel um 1980

Der Haltepunkt für die Berufsschule vis-á-vis der Hauptstraße um 1980.
(Foto: H+G Einsiedel)

 

 

Bilder unten 9. Oktober 2005: Nach der Wende wurde das Werksgebäude saniert und ein kleines Gewerbe-Zentrum entstand. Freilich mit allen Stärken und Schwächen unserer Zeit, mit teilweisem Leerstand und wechselnden Mietern. Das Pförtner-Häuschen auf dem mittleren Foto -bis Mitte 2018 als Bistro genutzt- steht unter Denkmalschutz.

 

Gymnasium Einsiedel Oktober 2005Relief am Einsiedler GymnasiumIn dem nahe dem Teich liegenden Areal baute der damalige Landkreis Chemnitz, zu dem Einsiedel zum Zeitpunkt gehörte, ab 1993 ein behindertengerechtes Gymnasium. Zur Einweihung 1995 gehörte Einsiedel bereits zum Landkreis Stollberg.
2001 bis 02 ergänzte die Stadt Chemnitz das Schulgelände noch mit einer neuen Turnhalle.

 

 

 

 


Artikel aus der Version 2004Diese Seite wurde aus der Ursprungsversion 2004, die seinerzeit mit einer speziellen Software (NetObjects Fusion) gestaltet worden war, fast identisch übernommen. Es kann hierbei manchmal zu Darstellungsproblemen kommen, in erster Linie deshalb, weil die eingefügten Bilder kleiner sind als die Aufnahmen, die wir seit dem Wechsel des Layouts bei allen neueren Seiten einfügen.

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Niederwaldstraße Einsiedel

 

 

 

 

 

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