Einsiedler Brauhaus | 1953 bis 1990

Teil V: VEB Braustolz im Getränkekombinat Karl-Marx-Stadt, Betriebsteil Einsiedel

Verwaltung – Verpachtung – Verstaatlichung – Volkseigen 

 

 

Kegelverein des Einsiedler Brauhauses 19561953

Gesetzlich durch die “Verordnung zum Schutze des Volkseigentums” gedeckt, wird am 20. Januar durch den Rat der Gemeinde Einsiedel der Chemnitzer Kaufmann Karl Erich Friedrich Möschler als treuhänderischer Verwalter des nach wie vor privaten Unternehmens eingesetzt.
In seiner Vollmacht lesen wir: “Die Firma Einsiedler Brauhaus, Winterling & Co., Einsiedel fällt unter die Verordnung zur Sicherung von Vermögenswerten vom 17.7.1952 § 6 und steht unter der Verwaltung des Rates der Gemeinde Einsiedel.”

Links ein Foto des betrieblichen Kegelvereins vom 7. Oktober 1956.
Friedrich Möschler ist der Dritte von rechts.
(Foto: H+G Einsiedel)

Der Jahresausstoß beträgt 1953 59.000 hl.

 

 

1954

Einsiedler Brauhaus um 1954Einsiedler Brauhaus 1970Noch immer prangt die Bezeichnung “Einsiedler Brauhaus AG” auf dem Dachsims. Wann das Kürzel “AG” entfernt wurde, ist nicht bekannt.
Nach 1970 jedenfalls, die Aufnahme rechts stammt aus diesem Jahr.
(Fotos: links Willi Fiebig, rechts Reinhard Volke)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Einsiedler Brauhaus, noch nicht volkseigen, auf einer Kleinmesse 1954.Der Jahresausstoß beträgt 1954 80.000 hl, eine erhebliche Steigerung zum Vorjahr und genug, um sich im gleichen Jahre mit anderen regionalen Brauereien auf einer sogenannten Kleinmesse zu präsentieren.
(Foto: Einsiedler Brauhaus).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1955
Einsiedler Brauhaus (volkseigen): Bau von Einfahrt und PförtnerhäuschenReklameanzeige Einsiedler Brauhaus zur 700-Jahr-Feier 1955Die Einfahrt wird neugestaltet und befestigt und das Pförtnerhäuschen, wie wir es dann jahrzehntelang kennen werden, wird errichtet.
(Foto: Helga Kienert)

Der Jahresausstoß erfuhr erneut eine Steigerung: 83.000 hl.

 

 

Im Sommer 1955 stand auch die 700-Jahr-Feier von Einsiedel an. Bezüglich der Ereignisse 1953 lesen wir in der nebenstehenden Reklameanzeige auf der Rückseite der Festschrift zur 700-Jahr-Feier nun “Einsiedler Brauhaus in Verwaltung”.

 

1956

Jahresausstoß: 85.000 hl.

Unten einige Reklamedrucke der Brauerei aus den 1950er Jahren.
(Vorlagen: Einsiedler Brauhaus, der Kalender ist eine in den 1990er Jahren aufgelegte Reproduktion)

1957

Der Jahresausstoß beträgt 97.000 hl und bleibt im Folgejahr konstant.
Unten zwei Bilder von den Männern der werkseigenen Feuerwehr, sie dürften etwa im gleichen Zeitraum aufgenommen worden sein.
(Fotos: H+G Einsiedel)

Eingangsbereich des "VEB (K) Vereinigte Brauereien Karl-Marx-Stadt BT Einsiedel” Ende der 1950er Jahre1959

Ein neuer Rekord beim Jahresausstoß: 101.000 hl.
Trotzdem ist man als reines Privatunternehmen in der sozialistischen Planwirtschaft der DDR benachteiligt. In Folge dessen stellt der Verwalter Möschler beim Rat des Kreises Karl-Marx-Stadt einen Antrag auf staatliche Beteiligung. Dieser lehnt aber ab, da die Eigentümer nicht in der DDR, sondern in Bayern wohnen. Eine Lösung findet sich dennoch: Am 1. Oktober erfolgt die Verpachtung der gesamten Brauerei an den VEB (K) Vereinigte Brauereien Karl-Marx-Stadt. Man firmiert jetzt unter eben dieser Bezeichnung mit dem Kürzel “BT Einsiedel” am Ende. Die Eigentümer Winterling hatten auf dieses Vorgehen freilich keinerlei Einflussmöglichkeiten.
Den Eingangsbereich in abendlicher Stimmung Ende der 1950er Jahre zeigt uns die nebenstehende Diaaufnahme.
(Foto: Hans Morgenstern)

 

Einsiedler Brauhaus und "Drei Eichen" in den 1960er Jahren1960

Der Ausstoß kann erneut gesteigert werden und beträgt nunmehr 106.000 hl.

Eine 1960er Jahre-Idylle in Einsiedel zeigt uns das nebenstehende Foto.
Das linke -seinerzeit als Wohnhaus der Brauerei dienende- Gebäude wurde 1993 abgerissen.
Die Fläche diente danach als Parkplatz, bis 2012-13 hier dann durch die Brauerei eine (anfänglich sehr stark diskutierte) Lagerhalle errichtet wurde.
Am rechten Bildrand sehen wir noch das alte Fachwerkhaus der Gastwirtschaft “Drei Eichen”.

 

 

 

 

 

 

Edikett "Haustrunk" (Bierdeputat) des Einsiedler Brauhauses1968

In der DDR werden in allen Wirtschaftszweigen sogenannte Kombinate gebildet, so auch der “VEB Getränkekombinat Karl-Marx-Stadt”. Für das Einsiedler Brauhaus ändert sich im Zuge dessen die Firmenbezeichnung erneut und lautet jetzt:
VEB Braustolz Karl-Marx-Stadt, Betriebsteil Einsiedel.
(… eingegliedert im VEB Getränkekombinat Karl-Marx-Stadt.)

Rechts ein Haustrunk-Etikett mit dieser erwähnten Firmierung.

Haustrunk:
Dieses Bier-Deputat wurde in definierten Mengen kostenlos an die Belegschaft abgegeben. Auch heute noch ist dies gängige Praxis, nicht nur im Einsiedler Brauhaus.

 

 

 

 

1971

Die Einsiedler Brauerei im Winter 1971Der Einfahrtsbereich im Winter 1971.

Links erkennen wir einen Teil des auf dem Brauereigelände liegenden Hauses Hauptstraße 148 mit Werkswohnungen, rechts das Kontorgebäude.
Auch dort sind in der 1. Etage und im Dachgeschoss Wohnungen für die Werktätigen des Brauhauses eingerichtet, nur im Erdgeschoss ist die betriebliche Verwaltung.
(Foto: Erich Hertel)

 

 

 

 

 

 

 

 

Brunnenbohrung im Herbst 1971Bockbier liegt im PlanIm Herbst wird auf der Wiese direkt vorn an der Hauptstraße ein Brunnen bis in 80 Meter Tiefe gebohrt.
(Foto: Einsiedler Brauhaus)

Und der zu erwartende Bockbierausstoß liegt „im Plan“ …

 

 

 

 

 

 

 

Brauerei volkseigen, aber der neue "Bock" wird angestochen1972

Das Schicksalsjahr für die mittelständische Privatwirtschaft in der DDR. Durch den Zwangsverkauf an den Staat wird die Familie Winterling endgültig enteignet, das Einsiedler Brauhaus ist jetzt “Volkseigentum” (VEB – Volkseigener Betrieb).

In den SED-Parteizeitungen liest man nichts von der sich im ganzen Jahre 1972 hinziehenden Verstaatlichung, siehe beispielhaft auch den nebenstehenden Artikel („Blick“ 18. Oktober 1972): “Alles gut! Bockbier heuer gesichert!”
In den Blättern der DDR-Blockparteien werden die Ereignisse allerdings schon im kleinen Rahmen publiziert.

Durch die nunmehr 100%ig greifende sozialistische Planwirtschaft wird im Einsiedler Brauhaus nur noch Flaschenbier produziert, die Fassbierabfüllung für die Gastronomie kommt praktisch zum Erliegen. 

„Volkseigen“ heißt für das Einsiedler Brauhaus aber auch, dass in den nächsten Jahren staatlicherseits sehr umfassende und vor allem teure Investitionen getätigt werden.

 

 

Dampfmaschine im Einsiedler Brauhaus, Baujahr 19241973

… wird die nebenstehend abgebildete Dampfmaschine, Baujahr 1924, nach 49 Jahren außer Betrieb gestellt.
(Foto: Reproduktion Einsiedler Brauhaus)

 

Gleichzeitig beginnen in diesem Jahr umfangreiche Bauarbeiten für die Heizanlage, die von Kohle auf Heizöl umgestellt werden soll. Dies wird sich zehn Jahre später zum Paradestück sozialistischer Planwirtschaft entwickeln, nur ahnt das zum Zeitpunkt freilich noch keiner.

 

Unten:
Im Zuge der Umstellung auf Heizölverfeuerung werden im Herbst werden zwei sogenannte “Dreizugkessel” geliefert.
(Fotos: Einsiedler Brauhaus)

 

Fundamente für Heizöllagertanks im volkseigenen Einsiedler Brauhaus im Sommer 1973

 

 

 

 

Bereits im Sommer 1973 wurden oberhalb des Brauhauses die Fundamente für die beiden Heizöllagertanks gesetzt (rechts).

 

 

Die Behälter wurden dann ab Oktober 1973 errichtet (unten).
(Fotos: Einsiedler Brauhaus)

 

 

 

Unten: Der Kohlebunker bleibt bis September in Betrieb, dann erfolgt im Kesselhaus die Umstellung von Kohlenfeuerung auf Heizöl.
(Fotos: Einsiedler Brauhaus)

Abtransport des ausgedienten Lokkessels im Einsiedler Brauhaus (volkseigen)

 

 

Der alte Kohlekessel, der hier im Brauhaus schon seine Zweitverwendung hatte, wird abtransportiert. Man erkennt trotz des Verschleißes dessen ursprüngliches Einsatzgebiet: in einer Dampflok.
(Foto: Einsiedler Brauhaus)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

… weiter 1974

Unten: Im Frühjahr werden die Lagerkellerabteilungen 7 bis 10 aufgestockt.
(Fotos: Einsiedler Brauhaus)

Hubschraubereinsatz zur Montage des Leichtbaudaches im Einsiedler Brauhaus 1974Hubschrauber zur Montage eines Leichtbaudaches über der Brauerei in Einsiedel 1974Es wäre auch heute noch eine Seltenheit, die man fotodokumentarisch für die Nachwelt erhalten sollte – das Einsiedler Brauhaus hat´s schon damals getan:
Per Hubschrauber werden die Binder für das Leichtbaudach am aufgestockten Lagerkeller an ihren Bestimmungsort gebracht und aufgesetzt.
(Fotos: links Einsiedler Brauhaus, rechts Max List, unten Nr. 3 Max List, alle anderen Einsiedler Brauhaus)

 

 

 

1975

Die Fassbier-Rampe ist seit der Umstellung auf Flaschenbier 1972 obsolet und wird im Frühjahr abgetragen. Der Jahresausstoß 1975 liegt bei 260.000 hl.

Neue Flaschenabfüllanlage im volkseigenen Einsiedler Brauhaus um 19811977

Die neue Abfüllanlage (Foto rechts) geht in Betrieb.

In der Zeitung “Blick” vom 9. Februar lesen wir:
“Rund 20 Millionen Flaschen Bier mehr pro Jahr können die Werktätigen der Brauerei Einsiedel im Getränkekombinat Karl-Marx-Stadt mit Hilfe einer neuen Abfüllanlage, die kürzlich in Probebetrieb ging, ausliefern. Sie hat eine Stundenleistung von 24.000 Flaschen und ermöglicht es, den Bedarf der Einwohner von Karl-Marx-Stadt sowie der Kreise Zschopau, Stollberg und Karl-Marx-Stadt-Land nach wohlschmeckendem Gerstensaft noch besser zu befriedigen.”
(Foto: Reproduktion des Einsiedler Brauhauses)

Bis zu 10.000 Kästen Bier verlassen die Brauerei täglich.

Unten: Ein Blick in den Brauereihof im Februar 1977, daneben das Sudhaus zum gleichen Zeitpunkt.
(Fotos: Einsiedler Brauhaus)

 

 

1979

… begeht man das 90jährige Betriebsjubiläum. Der Jahresausstoß wird erneut gesteigert und erreicht jetzt 284.000 hl. Der Großteil des Bieres (ca. 70%) wird nach Karl-Marx-Stadt geliefert.

 

Zeitung "Blick", 12. Oktober 1983, neuer Abwasserkanal der volkseigenen Brauerei Einsiedel1983

Das Abwasser des Brauhauses ist mit zahlreichen organischen Bestandteilen angereichert, verbraucht beträchtlichen Sauerstoff, ist umweltfeindlich und wurde bisher nach einer mechanischen Klärung in die Zwönitz geleitet. Im Oktober 1983 geht eine neue Abwasserpumpanlage in Betrieb. Die Abwasser werden mittels Motorkraft in einen Sammler in 110 Meter Höhe gepumpt und dann durch natürliches Gefälle in einem vier Kilometer langen, unterirdischen Rohr in die zentrale Kläranlage in Karl-Marx-Stadt-Heinersdorf geleitet. Was uns der nebenstehende Artikel aus dem “Blick” vom 12. Oktober 1983 in wenigen Zeilen erklärt, war alles in allem eine Aktion von über 11 Jahren Dauer.

Wir empfehlen an dieser Stelle den ausführlichen Artikel im “Einsiedler Anzeiger” vom Oktober 2012, wo auf diese Abwassertrasse auf Grundlage von Recherchen und Notizen des Einsiedler Braumeisters i.R. Reinhard Volke sehr detailliert eingegangen wird.

 

 

Nachfolgend zwei Fotos vom 24. August 2013. Zum Zeitpunkt finden wir auf dem Feld zwischen Körnerhöhe und Berbisdorfer Straße noch immer Relikte dieser Abwassertrasse, die am 29. Januar 1998 außer Betrieb ging.

Dampflokbespannter Güterzug in Einsiedel 19821984

… erfolgt die Rück- bzw. Zwangsumstellung der Heizung von Heizöl auf Brikettfeuerung, nachdem erst 1974 die weit fortschrittlichere Ölbefeuerung installiert worden war. Der akute Ölmangel im Arbeiter- und Bauernstaat erreichte nun auch das volkseigene Einsiedler Brauhaus. Die Einsiedler Bürger (die ja eh keine Ölheizung hatten) merkten das freilich auch ohne Brauerei – die “Deutsche Reichsbahn” setzte seit 1982 wieder vermehrt Dampflokomotiven auch auf der heimischen Strecke ein.
Rechts ein solcher dampflokbespannter Güterzug im Sommer 1982 bei der Einfahrt in den Einsiedler Bahnhof.
(Foto: Gerard van den Hoven)

 

 

 

 

 

 

 

Reklameanzeige Einsiedler Brauhaus zur 700-Jahr-Feier 19551985

Von der Heizungs(rück)umstellung von Heizöl auf Brikettfeuerung hatten auch die Nachbarn etwas. Der “VEB Kohlehandel” belieferte das Brauhaus vorzugsweise am Wochenende oder nachts. Vertragliche Bindungen zwangen die Brauerei zur Abnahme einer bestimmtem Menge Kohle, die am Heizhaus gar nicht untergebracht werden konnte und somit am Rande des Hofes abgekippt wurde. (Es wurden zum Zeitpunkt noch Restmengen an Heizöl verbraucht.)

 

Die nachfolgenden Fotos (H+G Einsiedel) sprechen für sich. Selbstentzündungen waren gar nicht so selten und durch die Rauchentwicklung weithin sichtbar. Die Briketts wurden mit dem Radlader ins Heizhaus gefahren, die dabei am Boden zermahlene Kohle (Foto rechts) verstopfte -vermengt mit Regenwasser- die Gullys und die schwarze Brühe ergoss sich über Fußweg und Straße.

100 Jahre Einsiedler Brauhaus, Jubiläum 1985Aber es gab auch Erfreuliches im Jahre 1985: Das 100jährige Betriebsjubiläum.
(Foto: Reinhard Volke)

In etwa diesen Zeitraum fällt auch der Rekord-Jahresausstoß: 300.000 hl!
Das Ergebnis wurde allerdings nur unter erheblichen Qualitätseinbußen erreicht. Ein geflügeltes Wort wird wohl vielen noch bekannt sein: “Einsiedler Sterbehilfe”. Es bezeichnete seinerzeit im Volksmund die Einsiedler Biere mit der unappetitlichen, trüben Färbung und ihrem wässrigen Geschmack.

 

 

 

 

 

 

Unten: Schlussakkord des Sozialismus
Der rauchende Schornstein des volkseigenen Einsiedler Brauhauses ist in den 1980er Jahren weithin sichtbar, der Ort selbst präsentiert sich im „DDR-Einheitsgrau“.
Zum Aufnahmezeitpunkt ahnt wohl noch niemand etwas von den sich Ende des Jahrzehnts abzeichnenden gravierenden gesellschaftlichen Änderungen …

 

 

 

 

 


Heimatwerk Einsiedel sagt Danke!

 

 

Für die Unterstützung zu dieser Seite bedanken wir uns bei:

  • Reinhard Volke, Einsiedler Brauhaus

Passende, ergänzende Artikel zu dieser Seite:

 

 


 

Einsiedler Hauptstraße

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.