Sommerrodelbahn Einsiedel

 

Sie war wohl die erste in Sachsen, die

Sommerrodelbahn Einsiedel

Am 24. Januar 1927 wurde im Erzgebirgszweigverein Einsiedel der Jahresbericht für das Jahr 1926 vorgetragen. Darin heißt es: „Ein besonderes Stück Arbeit erforderte im vergangenen Jahr die Anlegung einer Sommer- und Winterrodelbahn, die von unserem Ehrenmitglied Guido Riedel entworfen und unter seiner Leitung von unseren Mitgliedern, Herrn Felix Neubert, Walter Wiedensee und Bernhard Billich freiwillig und kostenlos hergestellt wurde. Ihnen sei an dieser Stelle besonderer Dank zum Ausdruck gebracht.

Die feierliche Einweihung fand am 3. Juli 1927 anlässlich des Parkfestes statt.

Klause des Erzgebirgszweigverein Einsiedel um 1930

„Klause“ des Erzgebirgszweigvereins Einsiedel um 1930
(Foto: Sammlung Weber)

 

Mit einem Billet hatten die Fahrgäste zwei verschiedene Fahrten mit recht unterschiedlichen Geschwindigkeiten erworben. Start (und auch Ziel) war an der Talstation. Diese befand sich neben der „Klause“, einem kleinen, massiven, unterkellerten und reichlich verzierten Gebäude. Diese alte „Klause“ stand etwa dort, wo sich heute die Gaststätte „Waldklause Einsiedel“ erhebt.

 

 

Nachfolgend drei Aufnahmen von der Bergfahrt. Die Schlitten wurden in eine starke Kette, die in einem oben geschlitzten Eisenrohr lief, eingehangen und mit moderater Geschwindigkeit über einen Elektromotor 140 Meter den Berg hinaufgezogen. Die sehr stabil gebauten und für zwei Personen zugelassenen Schlitten hatten Fußstützen und Bremsen und wurden durch das Schienensystem geführt. Diese Schienen bestanden aus Kanthölzern von 6×6 cm und waren auf Schwellen verschraubt. Die Konstruktion ist auf dem linken und mittleren Foto unten gut erkennbar. Beide Aufnahmen stammen sehr wahrscheinlich aus dem Jahr 1927.

 

Isolatoren am Baum nahe der WaldklauseDas Foto oben rechts ist aus den 1930er Jahren zeigt uns die Talstation. Die Schlitten sind in der Führung eingehangen und durch ein Klingelzeichen wurde die Abfahrt der Schlitten gemeldet. Das Klingeln ertönte erneut, wenn die Schlitten an der Bergstation eingetroffen waren.

 

In der Bergstation befand sich der besagte Elektromotor, der die Schlitten an den Ketten durch die offenen Rohre nach oben zog.
Der Erzgebirgsverein hatte seinerzeit extra ein Stromkabel durch das Elektrizitätswerk Chemnitz ziehen lassen, um eventuelle Stromschwankungen zu kompensieren.
Am 20. August 2004 entdeckten wir noch einige alte Isolatoren auf dem Weg nach oben in Richtung des „Storchennestes“, neben dem sich damals die Bergstation befand. Wir waren immer davon ausgegangen, dass diese erst um 1955 zur 700-Jahr-Feier von Einsiedel für den Betrieb einer Tanzdiele oben auf dem Plateau installiert wurden, aber bei (elektrischem [sic!]) Licht betrachtet ist es durchaus möglich, dass diese Isolatoren das Kabel für die Sommerrodelbahn trugen.
Bei einem Rundgang 2016 entdeckten wir die Isolatoren nicht mehr.

 

 

 

Schlittenaufzug der Sommerrodelbahn EinsiedelNun denn, folgen wir dem Schlitten mit den beiden Mädels zur Bergstation. Wir erkennen diese im Hintergrund und sehen, dass sie nicht wie die Talstation mit einem schmucken Zeltdach, sondern ganz klassisch mit einem Pultdach ausgerüstet war.
(Foto: Karl-Heinz Hähle)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ludwig Roux Einsiedel Annonce 1935

„Einsiedler Wochenblatt“ 1935

Sommerrodelbahn Einsiedel TalfahrtAn der Bergstation wurde die Schlitten aus der Zugkette ausgeklinkt und die 180 m lange Talfahrt begann. Links das wohl bekannteste Postkartenmotiv dieser Talfahrt, das eine hohe Verbreitung fand. Es stammt aus dem Atelier von Ludwig Roux.

Was wir uns hier fragen: War der Schlitten zum Aufnahmezeitpunkt wirklich in Fahrt? Bei näherer Betrachtung der Kleidung der Passagiere ist es wohl eher denkbar, dass hier ein „Fotostopp“ eingelegt wurde.

 

Für die Sicherheit der ganzen Anlage gab es mehrere Personen, die an verschieden Abschnitten dafür zuständig waren. Je zwei oben an der Abfahrt und an der großen Kurve und drei unten an der Talstation.
Aber auch technisch ist vorgesorgt worden: Hätte die Aufzugstechnik versagt, wäre die ganze Anlage zum Stillstand gekommen, insbesondere die Schlitten Richtung Bergstation wären also nicht wieder den steilen Aufzug hinunter gerast.

Trotzdem gab es schon am Einweihungstag einen herben Dämpfer für die Betreiber. Im Jahresbericht des Erzgebirgszweigvereins lesen wir:
Bedauerlicherweise ereignete sich am Abend des ersten Sonntages auf der Rodelbahn ein schwerer Unglücksfall. Aus noch nicht festzustellender Ursache warf es an der Kurve drei Personen vom Schlitten, nachdem sich über 700 Personen ohne jede Störung vergnügt hatten. Da der Verein versichert war, kann er in Ruhe den Ausgang der gerichtlichen Entscheidung entgegensehen.

Das Landgericht Chemnitz hat vor fünf Wochen ein Gutachten vom Vereinsvorsitzenden eingefordert, da das verletzte Fräulein klagbar werden will.
Wir bedauern jedenfalls außerordentlich das Vorkommen und können uns bei bestem Gewissen nicht schuldig fühlen. Die Begutachtung eines Sachverständigen der Staatslehranstalten Chemnitz konnte keine Konstruktionsfehler in der Anlage finden.
Eine Störung der Stimmung der Festteilnehmer war verständlicherweise z.T. eingetreten.“

Das genannte Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass ein Selbstverschulden der Geschädigten vorgelegen hatte. Festgestellt hatte dies seinerzeit Professor W. Pfalz von der Chemnitzer Gewerbeakademie. Und so konnte bereits eine Woche später, am 10. Juli 1927, die Rodelbahn wieder in Betrieb genommen werden.
Ein reichliches Jahr später, am 20. August 1928, erhielt dann der Verein die Erlaubnis vom Einsiedler Gemeinderat, die Rodelbahn an jedem Sonntag betreiben zu dürfen. So war man nicht mehr an die Parkfeste gebunden und in der Folge, die ganzen 1930er Jahre hindurch, lockte die Rodelbahn unzählige Gäste an.

Der Kriegsausbruch 1939 beendete dann die Ära innerhalb weniger Jahre. Einberufungen sowie Geld- und Materialmangel ließen die Anlage verkümmern. Es wurden jetzt ganz andere Prioritäten gesetzt, auch wenn diese wohl von den wenigsten gewünscht waren oder gar beeinflussbar gewesen wären. In den letzten Kriegsjahren und vor allem kurz danach wandert von der Anlage alles, was brennbar war, in die Öfen der Anwohner.

Erst 1992/93 befasste sich der Gemeinderat Einsiedel damit, die Sommerrodelbahn erneut zu errichten und eine touristische Attraktion aus der Vergangenheit zurück zu holen. Der Kostenvorschlag in Höhe von 700.000 DM überstieg die Möglichkeiten der Gemeinde bei weitem und so wurde davon abgelassen.

Jahrzehntelang holte sich die Natur ihr Terrain zurück und sie tut es bis heute. Allerdings erkennt der ortskundige Beobachter noch allerlei Spuren und Relikte und für so viele Jahre im feuchten Waldboden kann man beinahe behaupten: gut erhalten!

Wenn der aufmerksame Forscher durch das Unterholz hinter der Waldklause nach oben Richtung Bergstation geht, findet er noch große Reste der geschlitzten Rohre und der Kette für den Schlittentransport.

Unten links: Am 20. August 2004 finden wir noch Teile des Fundamentes der Bergstation, im Sommer 2016 ist das alles überwuchert und so schnell nicht mehr auffindbar. Ganz anders mit der Abfahrtstrecke. Die Aufnahme unten rechts zeigt uns in etwa den Abschnitt, der auch auf der historischen Postkarte (Roux) dargestellt ist.

Ehemaliger Auslauf der Sommerrodelbahn hinter der Waldklause EinsiedelSchneise Kettenaufzug 31.07.2016Und so soll die Geschichte der Sommerrodelbahn Einsiedel da enden, wo sie begann, an der (ehemaligen) Talstation, direkt hinter der Waldklause.

 

Die linke Aufnahme ist vom 31. Juli 2016, genau wie das Bild rechts.

 

 

 

 

 

Auch wenn es auf diesem Foto schlecht darstellbar ist, so erkennt man doch noch die Schneise des ehemaligen Kettenaufzuges. Folgt man den beiden Rohren, gelangt man erneut zur ehemaligen Bergstation…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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  • Ingobert Rost (Einsiedler Anzeiger September 2008)

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